Mittwoch, 3. Oktober 2012

Mittwochs-Rezi: Literatur! Eine Reise durch die Welt der Bücher

4 von 5 Eselsohren

"Kindler karrikiert" so würde ich dieses Buch untertiteln - es hätte auch gut in die Reihe "Für Dummies" gepasst. Dann aber hätte man den Look vollkommen ändern müssen und ein Großteil des Charmes wäre verloren gegangen. Denn der Inhalt hält, was die Optik verspricht: eine liebevoll überzeichnete Charakterisierung der Weltliteratur.


Dieser schöne Band aus der Cadeau-Reihe von Hoffman und Campe ist tatsächlich für alle, die hinter das Wort "Literatur" gern ein Rufzeichen gesetzt sehen -  und der Umkehrschluss stimmt auch: Wem das Rufzeichen auf dem Cover schon zu viel ist, der wird auch den Stil des Inhalts nicht genießen können.


Eine Frage des Aufbaus
Nach einem (etwas zu) launigen Vorwort wird der Leser in chronologischer Reihenfolge durch die Weltliteratur gelotst. Die wichtigen Werke bedenkt die Autorin dabei mit jeweils einer vollen Seite zum Buch selbst und einer zum Verfasser. Knappe Inhaltsangabe inklusive Schluss, etwas Small-Talk-Trivia und Klugscheißerwissen sowie historischen Kontext > fertig ist die Literaturkritik zu Werken mit Weltrang. Den Autor misst und beschreibt sie immer nach heutigen Maßstäben und liefert auch hier einen groben Umriss von Geburt bis Tod mit Schlaglichtern auf die interessanten und in klugen Gesprächen wiederverwendbaren Fakten.

Aufgelockert wird diese standardisierte Vorgehensweise mit ganzseitigen Schaubildern zu generellen Themen (etwa "Letzte Worte & Lebenszeit der Autoren" in Grashalmoptik oder "Genres der Literatur" als Bahn-Streckenplan) erklärenden Grafiken (z.B. große Personaldecken oder Zeitlinien) und Doppelseiten mit einspaltigen Kurzbewertungen von "B-Titeln" (die aber dank der Fülle der Literatur immer noch vielzitierte oder -benannte Werke sind)

Literaturgenres als Streckenplan? Geht.


Eine Frage des Respekts
Die Respektlosigkeit bei der Annäherung an die "Großen Alten" wirkt auf mich sehr erfrischend. "Muss ich das wirklich lesen, um gebildet zu sein?!" ist die Ausgangfrage jeder dieser Buchbesprechungen. Verschiedene Rezensenten von "Literatur!" bemängeln den klamaukigen Stil. Auch die pragmatischen Empfehlungen, lieber auf den Film oder eine Jugendbuchversion umzusteigen, die sie sehr häufig abgibt, stoßen vielen Hobby-Feullitonisten sauer auf. Aber dabei verlieren diese Rezensenten aber meiner Meinung nach die Zielgruppe und das Ziel des Buches aus den Augen.

Dieses Buch ist das Gegenteil von Kanongläubigkeit. Hier wird mit dem Wissen besprochen, dass so mancher Klassiker groß wurde durch den Kontext der Leserschaft. Und diese LEserschaft gibt es heute nicht mehr. Wir haben einen ganz anderen Hintergrund als die ersten Leser des Woyczek, der Buddenbrooks, des King Lear.

Anna Karenina in "Literatur!"


Eine Frage der Wertschätzung
Es gibt jedoch einen Unterschied zwischen Respekt und Wertschätzung. Bei ersterem schwingt Angst und Dogmatismus mit, letzteres klingt in meinen Ohren familiärer und menschlicher. Dass die Autoren und Werke Großes geleistet haben für unsere Zeit und bis heute nachwirken, vergisst "Literatur!" keinesfalls. Genau darauf zielen die "Ausweichempfehlungen" ab. Die Alternativen sind mit Bedacht gewählt und wirklich geeignet "ein Gefühl" für Schriftsteller und Werke zu bekommen.Hier beugt sich niemand der vermeintlichen Verdummung der Bevölkerung, hier wird eine Gutbürgerbildung aus dem letzten Jahrhundert hinterfragt.

Ich würde mich als belesen und allgemeingebildet bezeichnen. Dennoch kenne ich nicht mal die Hälfte der besprochenen Werke im Original. Bei denen, wo ich mein Leseerlebnis mit der Besprechung in "Literatur!" vergleichen kann, erkenne ich jedoch eine Treffsicherheit, die Karrikaturisten zu Eigen sein sollte. Bei denen, die ich nicht gelesen habe, fühle ich mich durch die ironische Herangehensweise sehr gut aufgehoben, werde sicher das eine oder andere Werk nun doch lesen - aber auch einige Klassiker von meiner ewiglangen "Must-Read-Liste" streichen.



Eine Frage der Optik
Wie bereits erwähnt, finde ich die Buchgestaltung sehr rund. Die Illustratorin trägt den Stil des Buches weiter in die Grafik. Karrikiert mit Liebe und mit Gefühl für die Werke. Allein, der Satz hätte noch eine Runde Nachdenken vertragen können. Der Einsatz von Fettungen und farbigen Worten wirkt auf mich sehr willkürlich und im Zweifelsfall eher irritierend als hilfreich. Auch die Rufzeichen hätte ich nicht ganz so extensiv eingesetzt - trotz der Daseinsberechtigung im Titel.

Eine Frage des Schmökerns
Zum Schluss noch meine Empfehlung zur Lesart dieses Buches: Am Stück ist es nicht genießbar. Ein Dauerfeuer von Ironie und launigen Anekdoten wäre wirklich zu viel des Guten. Aber dafür ist es auch nicht geschrieben. Häppchenweise gelesen, zaubert es aber ein Lächeln auf meine Lippen. Wer schmökern will, sollte auf die Gegenstände von "Literatur!" ausweichen.