Dienstag, 20. November 2012

Von Sprintern und Langstreckenläufern

Ich bin ein Sprinter.
Generell gesprochen. Nicht, dass ich auf der Aschebahn den Weltrekorden hinterherlaufe (im Leben nicht!) - ich meine das im übertragenen Sinn. Früher hat mich das unglaublich gestört. Ich wäre lieber ein Langstreckenläufer gewesen. Heute mag ich den Sprinter in mir und plane für ihn mit. Meistens.

Schnell von A nach B und dann erstmal Pause.

Blogbeiträge auf Halde zu schreiben gehört zum Beispiel dazu. Aber das klappt nicht immer. Manchmal ist das Leben einfach zu spannend und zu neu und fast beinahe zu kurz. Und deswegen war es hier fast zwei Monate komplett still.

Aber ich gelobe Besserung und bald wird es hier wieder neue Beiträge zu lesen geben. Wer mag, kann sich jetzt erstmal die Theorie mit den Sprintern und Langstreckenläufern von mir erklären lassen.



Ausgangsfrage
Wie wuppt ihr eure Projekte? Einmal mit richtigem Kraftakt oder über lange Zeit konstant in kleinen Happen? Gepard oder ein Eichhörnchen. Der Samstags-Einkauf-auf-einmal-Hineintrager oder der Hundertmal-hin-und-her-Trager.

Jedes Projekt beansprucht ein bestimmtes Kontingent an Energie und wir stehen vor der Herausforderung, mit dieser Energie nach bestem Wissen und Wesen hauszuhalten. Arbeit ist Kraft mal Weg hat man mir beigebracht. Du kannst für eine Mauer einmal zehn Steine tragen oder zehnmal einen. Oder eben: du kannst eine Strecke in vielen schnellen oder einem gemäßigten Lauf zurücklegen. Ich wurde in dem Glauben erzogen, die stetige, konstante, gemäßigte Arbeitsweise sei die erstrebenswerte Herangehensweise. Sie scheint effektiver.

Vorbild Langstreckenläufer?

Statt mehrfach hoch- und runterzufahren bewältigt der Langstreckenläufer seine Strecke mit überlegten, maßvollen Schritten und wirkt dabei fast entspannt. Aber ich bin ein Sprinter. Mich langweilt langes gleichbleibendes Tempo. Ich lege die selbe Strecke lieber in vielen rasanten Etappen zurück, die mich an die Grenze der Erschöpfung bringen und nehme mir zum Ausgleich Pausen, um zu Atem und zu Verstand zu kommen.

Praxisbeispiel
Zum Start jedes Schuljahres entwickelte ich ein ausgeklügeltes Ablagesystem, das auf dem täglichen Abheften der Notizen und Arbeitsblätter in entsprechende Schnellhefter basierte - am Besten mit wöchentlichen Zusammenfassungen, so das vor einer Arbeit ein einfaches Durchblättern genügen würde und ZACK wäre alles wiederholt. Etwa eine Woche ging das gut. Danach wurde ich des Einzelblattheftens überdrüssig, sortierte erst noch wöchentlich, dann gar nicht mehr.

Vor schriftlichen Arbeiten stellte sich dementsprechend heraus: alle Mitschriften befanden sich gleichmäßig verteilt auf mindestens zwei Collegeblocks, in denen sich auch die Kopien und Arbeitsblätter aufhielten - im besten Fall in der Nähe der dazugehörenden Lösungen oder mit einem Hinweis aufs Datum. Statt den Stoff locker nochmal durchzublättern, dauerte es Stunden, die einzelnen Fächer auseinanderzuklamüsern um schließlich eine Unterrichtseinheit zusammenzutragen. Während der Sortiererei war ich grundsätzlich panisch (weil ich die Zeit ja zum Lernen hätte gebrauchen können), frustriert (weil mein großartiger Schulbeginn-Plan nicht geklappt hatte) und genervt (weil es in der Theorie nicht nötig gewesen wäre).

Ein Weg, eine Zeit - so viel zu sehen?
Energiemanagement schwer gemacht. 

Ich blickte neidisch auf die Mitschüler mit ordentlicher Heftführung, schrieb aber dennoch gute Noten. Und die Freunde, die sich durchgehend geplagt hatten, sagten: "Wenn du mit dieser Arbeitsweise ne 2 schreibst, stell dir vor, was du mit etwas mehr Ordnung erreichen könntest." Das Prinzip gibt es auch im Studium, im Job, in Freizeitprojekten. Heißt manchmal Zeitmanagement, Selbstmanagement oder einfach Planung. In Personal- oder Projektplanungen ist der oben vorgebrachte Vorschlag ein verlockender Quell der Arbeitskraft. Und er ist der rote Teppich für einen fiesen Burn-Out.

Wo ist das Problem?
Mit diesem Ausspruch unterliegen sowohl die Sprinter als auch die Langstreckenläufer einem fatalen Irrtum. Wir messen plötzlich die gelaufene Zeit statt der zurückgelegten Strecke. Der fleißige, brave, vorbildliche Langstreckenläufer neidet dem Sprinter die Pausen. Der sprunghafte, kurzzeitfokussierte, luftholende Sprinter neidet dem Langstreckenläufer die wenigen Hochfahr-Phasen. Und dann wollen wir BEIDES.

Können Sprinter das Tempo auch über eine längere Strecke halten? Nein. Aber sie können auch nicht langsamer laufen - das haben sie nicht im Blut, das ist nicht ihr Rhythmus, ihr Herzschlag. Sie arbeiten einfach anders. Ich arbeite anders. Mich langweilt ein konstantes Tempo. Es schwächt mich unverhältnismäßig. Ich muss mich nicht warmlaufen, ich brauche Pausen. In den Langstreckenrhythmus gezwungen, erziele ich bestenfalls schlechtere Ergebnisse, schlimmstenfalls brenne ich aus.

Schnell UND durchgehend? Geht nicht.

Bleibe ich also mit meiner schwankenden Leistungskurve hinter meinem Potenzial zurück? Nö. Ich kann fünfzehn Rezensionen an einem Wochenende schreiben, ich kann an einem Tag einen ganzen Garten umgraben, ich kann während eines Wochenendes ohne Schlaf eine Trilogie lesen. Aber danach brauche ich Pause, muss mich ablenken, darf was gänzlich anderes machen und den vorherigen Task komplett ignorieren. Und das darf ich mir von keinem Langstreckenläufer der Welt schlechtreden lassen, ausreden lassen, verbieten lassen.

Fazit
Natürlich neigt jeder mal mehr und mal weniger zu den Extremen - oder von mir aus auch der eine mehr und der andere weniger. Ich glaube aber fest daran, dass wir uns allen - Langstreckenläufern wie Sprintern - eine Menge Ärger, Blockaden und Energie ersparen könnten, würden wir unseren eigenen Grundrhythmus der Energieabgabe akzeptieren.

Pause machen - eine Kunst.

Das war jetzt ein ziemlich langer, philosophischer Vortrag für ein einfaches "Huch, seit 2 Monaten tut sich hier nix mehr - sorry." Aber eine Freundin hat mir schon vor einiger Zeit mal gesagt, ich solle diese Theorie mit mehr Menschen teilen. Und ich mag sie. Die Theorie und die Freundin. Und deswegen erschien mir meine Blogpause als ein guter Aufhänger. Vielleicht habt ihr in den Absätzen was gefunden, dass euch weiterhelfen kann. Wenn nicht wünsche ich euch viel Erfolg mit eurer eigenen Lebenstheorie.