Mittwoch, 12. Dezember 2012

Mittwochs-Rezi: Smaragdgrün von Kerstin Gier

2 von 5 Eselsohren

Letzter Teil der Edelstein-Trilogie, die dank der Lieblingsbücher-Challenge gelesen habe. Urteil?

Tapfer gekämpft, aber leider verloren. Kerstin Gier hatte mit Rubinrot und Saphirblau meine Erwartungen an ein Zeitreise-Konstrukt mit Schmackes und Intelligenz geweckt. Aber statt eine geniale Auflösung zu bringen, lässt sie eine vielversprechende Story zu einem Teenie-Liebesroman mit ein bisschen Zeitreise-Chichi versanden. Schade, denn erzählen kann sie mitreißend und lebendig.

Hätte ich die Trilogie im Ganzen rezensiert, wäre maximal ein Eselsohr herausgesprungen. Ich würde nicht extra auf die Reihe aufmerksam machen, denn so ein Rohrkrepierer ist total unbefriedigend und es wirklich genug gute Bücher auf dem Markt.



Das zweite Eselsohr für den dritten Band ist dem Unterhaltungswert geschuldet. Die Figuren bleiben (zumindest bis zum letzten Drittel von Smaragdgrün) lebensecht und die Handlung schwungvoll. Wer die ersten beiden Bücher gelesen hat, kann natürlich auch das letzte lesen. Die fälligen Antworten und Auflösungen bleibt die Autorin aber schuldig.



Viel Potenzial verschenkt
Aus der Danksagung schließe ich, dass die Autorin mit der Vollendung der Trilogie sehr gekämpft, ja sogar an ihr gezweifelt hat. Und diesen Kampf merkt man dem Plot leider an. Kerstin Gier hat sich offenbar mit ihrer Geschichte nach draußen gewagt, bevor das Skelett ausgehärtet war oder aber sie war dem Druck der Lesecommunities, Buchblogger und vielleicht auch des Verlages nicht gewachsen. Warum bitte geben wir vielversprechenden Autoren nicht mehr Zeit?

Die Besonnenheit, die ich beim Plotaufbau wahzunehmen glaubte, erweist sich im letzten Drittel als Ratlosigkeit. Zeitreiseromane haben für mich ihren besonderen Reiz darin, dass am Ende alle Fäden, mögen sie auch noch so merkwürdig scheinen, zusammen passen. Hier aber driftet das letzte Drittel in eine Teenager-Schmonzette ab, bei der in Cliquen gefeiert und in Doppeldates geflirtet wird. Und das Finale ist so gradlinig und herzschmerzgefällig, dass es einem Brainstorming des Mädelsabends bei Starbucks entsprungen sein könnte. Kein Mut zum echten Drama. Schade.

Was jetzt folgt, enthält SPOILER.



Das entscheidende Etwas: Logik!
Sogar mit den logischen Auswirkungen der Zeitreisen kommt Kerstin Gier ins Schleudern. Während ein Großteil der Handlungen unumgänglich waren und sich anfangs unerklärliche Widersprüche in der Gegenwart als Folge von zukünftigen Zeitreisen in die Vergangenheit herausstellen (also das 12-Monkeys-Prinzip), werden kurz vor Schluss einige Dinge verändert, die nach diesem Prinzip die ganze Trilogie hätten beeinflussen müssen. Allem voran die Rettung des hilfreichen Schulgeistes vor dem Tod, der ihn zum Geist machte. Gefällt mir nicht.

Fragen, die nicht beantwortet werden:
  • Wie entstand das Chronometer? 
  • Wer entwarf das Ding und woher kommt der Stein der Weisen?
  • Warum gibt es genau 12 Zeitreisende? 
  • Wer begrenzt die Erblinie, wer begann sie? 
  • Werden Gwen und Gideon keine Kinder haben?
  • Warum kann man nur innerhalb der Lebenszeit des Grafen reisen?
Und (vielleicht habe nur ich das nicht verstanden:)
  • Was haben die Berichte an die Inquisition von diesem Gian Petro Baribi in der Entschlüsselung von Giordano zu sagen? Was für eine Bedeutung hat es, das der Graf dieses Mädchen schwängert und wer ist das Kind?

Unausgegorene Wunsch-Antworten:
Anklänge für ein paar schicke Effekte und die Antworten auf die oben stehenden Fragen waren in den ersten beiden Büchern bereits da. Nichts hätte umgeschrieben werden müssen.

Der Graf ist Alchemist, kann angeblich Edelsteine erstellen, hat transylvanische Freunde und ist auch sonst sehr undurchsichtig. Es hätte sich angeboten, wenn er hinter dem Bau des Chronometers gesteckt hätte. Damit hätte er (eventuell) auch aus gutem Grund die Reisezeit auf seine eigene Lebenszeit begrenzen können. Ich wittere eine ausgeklügelte Manipulation aller. Der Loge, der Aufzeichnungen, der Weltgeschichte. ;) Er hätte schließlich fast ewig Zeit gehabt, alles auszutüfteln.

Die Unsterblichkeit der Kinder zweier Zeitreisender wäre ein Ansatzpunkt für den Urspung aller Übel und Intrigen gewesen und hätte sich als methaphorischer Stein der Weisen angeboten: Die schwangere Lucy wird in einem Showdown dazu gezwungen, das versteckte Pulver zu trinken, hinter dem sich angeblich der Stein der Weisen verbergen soll, tötet aber so (Drama!) sich selbst und das dann noch nicht unsterbliche Kind. Nieder mit der Unsterblichkeit! Gwen ist die Böse! Die Perspektive kippt mit einem grandiosen Effekt um 180 Grad. Gwen wird nie geboren, Charlotte erbt das Gen, alles beginnt von vorn.

Total abgedreht wäre auch, wenn sich der Graf als Kind Gwens mit Gideons herausstellen würde, der unter dem Fluch der Unsterblichkeit leidet und alles ins Rollen bringt, um seine eigene Geburt zu verhindern... So Butterflyeffekt-mäßig. Oder... Ach.



Fazit
Da wäre sooo viel drin gewesen - vielleicht sogar eine Serie von allen 12 Zeitreisenden und ihren Kämpfen gegen einen historisch belegten Grafen. Man hätte... aber was solls. Der Drops ist gelutscht, das Buch ist gedruckt, verkauft und sogar schon verramscht. Die Story ist durch. Nicht gut, aber abgefeiert.

Mehr ist dazu leider nicht zu sagen. Naja, es sei denn, es hilft mir einer mit der Auflösung der oben stehenden Fragen... ;)

Erschienen bei Arena als Hardcover
ISBN 9783401063485