Mittwoch, 23. Mai 2012

Mittwochs-Rezi: The Gargoyle von Andrew Davidson

5 von 5 Eselsohren

Dieses Buch weigert sich schon lange, von mir bewertet, rezensiert, empfohlen zu werden. Dabei steht es im Regal der auserwählten Herzensbücher. Ich finde es schwer, die angemessenen Worte für Davidsons Gargoyle zu finden, denn sich zurückzufühlen in das Leseerlebnis, schmerzt.

"Love is as strong as death, as hard as hell"

Der "Gargoyle" ist nüchtern betrachtet ein Medizinroman mit märchenhaften und historischen Elementen. Alles dreht sich um ein männliches Verbrennungsopfer, seine Retterin und die wahnwitzige Beziehung der beiden. Dass er vor Romantik und Liebesgeschichte trieft, steht in krassem Gegensatz zu den grausamen und aufreibend detaillierten Szenen von Verletzung und Leid. Davidson nutzt dieses Wechselbad auf vielen Ebenen als Stilmittel und spielt so mit den Emotionen der Leser.

Wer Nerven beweißt, wird mit einer herzzerreißend-hinreißenden Story belohnt.


Wir treffen auf den arroganten, namenlosen und bildschönen Ich-Erzähler als er durch ein optisches Phänomen - War es etwa ein Pfeilhagel oder doch nur der Alkohol? - von der Straße abkommt. Der Wagen  überschlägt sich und geht in Flammen auf. Statt des üblichen Blackouts und anschließendem Aufwachen im Krankenhaus hält Davidson uns und seinen Protagonisten bei Bewusstsein. Wir werden Zeuge des Verbrennens, werden bei lebendigem Leib geröstet. Irgendwann wird es aber doch kurz schwarz und wir finden uns im Krankenhaus wieder, wo der Mann ohne Haut, ohne Schutz, ohne Hoffnung liegt und vor Schmerzen wahnsinnig zu werden droht. (Oder es bereits ist?)

Aber er bleibt nicht lang allein. Die merkwürdige gargoyle-erschaffende Marianne Engel tritt in sein Leben. Sie behauptet, sie und er seien seit mehreren Leben seelenverwandte Liebende und weicht ihm fortan nicht mehr von der Seite. Glaubt sie an das was sie erzählt? Ist sie nur eine manisch-depressive Künstlerin, die sich ein wehrloses Objekt sucht? Niemand kann sich ihrem Zauber entziehen. Weder der Schwerverletzte noch dessen Ärzte und auch ich als Leserin konnte es nicht.

Mit ihren Werkzeugen und roher Gewalt befreit die zarte, bildschöne Marianne aus großen Felsblöcken grauenhafte Dämonen. Mit ihren Geschichten formt sie aus einem verbrannten Stück Fleisch voller Schmerz und Selbsthass einen Mann, der zu lieben und zu hoffen imstande ist. Sie begleitet die Stufen seiner Heilung und führt ihn zugleich zurück ins Leben, tiefer in eine Abhängigkeit und zurück in die Vergangenheit. Die Hochkulturzeiten von Japan, Island, Italien, England und Deutschland sind die Stationen ihrer ewigen Liebesgeschichte. Findet der Verbrannte über die merkwürdige Frau zu seinem wahren Selbst oder verbrennt er an ihr zum absoluten Wahnsinn?

Davidson nimmt den Leser mit in die Zerrissenheit zwischen blutigem Leid und flatternder Liebe - Wahnsinn, und Vertrauen, Einsamkeit und Wolkenkuckucksheim, Steinmetzstaub und Handwerkskunst, Verbandszeug und Japanseide... Sagte ich schon "herzzerreißend-hinreißend"? Ja? Egal.

Für mich steht "The Garyole" neben dem Wolkenatlas, dem Letzten Einhorn und den Gedankenhaien genau richtig. Denn wer es zulässt, den berührt diese originell erzählte Geschichte bis in die letzte Herzspitze.

Auf deutsch im Berlin Verlag Taschenbuch
ISBN 978 3 833 30668 6
bei mir vorhanden von Canongate
ISBN 978 1 847 67309 1