Mittwoch, 5. September 2012

Mittwochs-Rezi: Die Tribute von Panem von Suzanne Collins

3 von 5 Eselsohren

Endlich hab ich sie gelesen, die viel gelobte und hoch gehypte Geschichte um Katniss und ihre Welt Panem. Und wer ist schuld? Nicht der Kinofilm, den ich partout erst nach der Lektüre angehen wollte, nicht die Bestseller!-schreienden Stapel in den Buchhandlungen, sondern die Lieblingsbücher-Challenge. *knicks*

Die Trilogie war eine klasse Sommerlektüre - eindeutig für Teenager geschrieben und zwischen Adventure, Dreiecksbeziehung, Coming-of-age und Dystopie balancierend. Der Schreibstil von Frau Collins ist für die Kombination "Buch-Liege-Britzelgetränk" hervorragend geeignet. - Ob so ein "fluffiger" Stil allerdings dem ernsten und komplexen Thema einer Dystopie gerecht wird, wage ich anzuzweifeln. Den ersten Kontakt zu diesem Genre mag es erleichtern, aber für meinen Geschmack hat Collins um der Action willen zu sehr an der inneren Logik gespart.


Ich las die Hardcover-Ausgabe im Schuber und war in 3 Tagen durch. Die einzelnen Bände fügen sich zu einem Gesellschaftsszenario zusammen, das ein merkwürdiger Mix aus verstaubt-industrialisierter und mediengläubig-mangamäßiger Zukunftsvision ist.

Während Band eins noch sehr furios wirkt, macht Band zwei einen Schema-F-Eindruck, Band drei schließlich offenbart, dass die Autorin von ihrem eigenen Setting etwas überfordert wurde. Ihre Vision einer postapokalyptischen Gesellschaft entwickelt sie nur im Ansatz und ohne echte philosophische Dimension. Ein weniger bedeutungsschwangeres Szenario hätte dem Plot gut zu Gesicht gestanden, denn die Figuren und der Stil sind bestechend sympatisch.





Grundstimmung: Utopie als Deko

Die Welt von Katniss erscheint mir wie ein Setting für einen Egoshooter oder ein Adventure-Game. Die Kulissen sind relativ klein aber reizvoll, die einzelnen Tasks schnell zu überblicken und nachzuvollziehen. Der Fokus liegt immer auf der Gegenwart. Eine Verankerung in Zeit und Philosophie findet nur in Nebensätzen statt. Mit dieser Herangehensweise degradiert Collins das Genre der Dystopie leider zur Dekoration.

Als Einstieg in eine kreative Auseinandersetzung mit Gesellschaftsordungen ist die Panem-Trilogie meiner Meinung nach nicht geeignet. Gut lesbar und liebenswürdig sind die Bücher aber trotzdem. "Die Tribute von Panem" sind eine unterhaltsame Geschichte. Wer nicht mehr erwartet, wird seinen Spaß haben. Wer eine Dystopie lesen will, die unsere Gesellschaftsordnung hinterfragt, sollte nicht zu Panem greifen.


Band 1: Tödliche Spiele (The Hunger Games)
Wir lernen die Welt aus der Sicht der jungen Katniss kennen. Lebensbedingungen, Hoffnungen, Träume, Probleme - alles wird nicht überblickend sondern aus Teenageraugen geschildert. Das umgeht den gesellschaftstheoretischen Holzhammer des Settings. Der Heimatdistrikt gleicht dem England der Industrialisierung. Hunger, Verlust und Unterdrückung - in Katniss Distrik schwingt ein wenig Charles Dickens mit.

Nach und nach erweitert sich die Weltsicht von einem Distrikt auf 12 Distrikte - alle voneinander abgeschirmt, alle für die Hauptstadt arbeitend. Haben diese Distrikte die Dimension von Dörfern, Städten, Verwaltungsbezirken oder gar Bundesstaaten? Das bleibt unklar, scheint aber auch nicht wichtig zu sein. Das System fußt auf Existenzangst und Unterdrückung. Herzstück ist ein jährliches Medienspektakel. Die "Hungerspiele" lassen 24 Kinder (je zwei pro Distrikt) in einem speziell designten Areal vor laufenden Kameras gegeneinander antreten - nur einer darf überleben. Natürlich wird Kantiss Teil der Hungerspiele. Zwischen Action und Taktik entfaltet sich eine dramatische Geschichte, Dreiecksbeziehung und Rebellion inbegriffen.




Band 2: Gefährliche Liebe (Catching Fire)
Das Imperium von Panem steckt in einer massiven Zwickmühle. Einerseits haben Katniss und ihr Distrikt-Kollege Peeta durch einen gemeinsamen Sieg der Hungerspiele die Allmacht der Regierung in Frage gestellt, andererseits haben sie die Herzen aller Panem-Einwohner im Sturm erobert. Ein Verschwinden würde die Aufmerksamkeit auf das brutale Gesicht der Diktatur lenken.

Also machen die Offiziellen gute Miene zum bösen Spiel und lassen das Siegerpäärchen wie jedes Jahr durch alle Distrikte touren, um die Stärke von Panem zu propagieren. Aber die Instrumentalisierung misslingt, denn ob sie es wollen oder nicht, Katniss und Peeta sind zum Symbol der Hoffnung auf eine gerechtere Welt geworden. Die Lösung des Problems ist so radikal wie publikumswirksam: für die 75. Hungerspiele werden die Teilnehmer nicht wie bisher aus allen Kindern Panems, sondern aus den bisherigen Gewinnern ausgelost. So werden Katniss und Peeta erneut zu Gejagten.



Band 3: Flammender Zorn (Mockingjay)
Die Rebellion ist ausgebrochen. Ausgehend von einem unterirdischen Basislager einer Zivilisation außerhalb von Panem beginnt der Angriff auf die Diktatur. Wieder wird Katniss für fremde Zwecke instrumentalisiert: Sie soll die Menschen vereinen und für die Ziele der Rebellen gewinnen. Wir werden Zeuge, wie sie sich erst mühsam mit ihrem Symbolcharakter, ihrer Wirkung auf das Volk anfreundet und sich anschließend für den Kampf an vorderster Front entscheidet.

In Buch drei kommt echte Endzeitstimmung auf. Krieg, Missionen, Taktiken. Die Dreiecksgeschichte spitzt sich zu. Katniss sinnt auf Rache. Dennoch steht am Ende echte Hollywood-Romantik, alles fügt sich, notwendige Opfer werden gebracht aber natürlich ändert sich alles zum Guten. - Ein bisschen zu glatt für meinen Geschmack. Teil drei unterhält, kann die drängenden Fragen zur Gesellschaftsordnung von Panem jedoch nicht beantworten. Collins verdeckt das geschickt, indem sie viel Personal einführt und immer wieder auf die Tränendrüse drückt.





Manöverkritik
Schon in Teil eins beschlich mich der Verdacht, dass die Panem-Diktatur in letzter Konsequenz nicht glaubwürdig ist. Collins behauptet, das diese Gesellschaft nun schon 74 Jahre funktioniert. Ausbeutung auf der einen Seite und regelmäßiges Abschlachten vor der Kamera als Unterhaltung und Druckmittel auf der anderen Seite? Wo haben die Menschen den Nutzen? Was hält sie von der Revolution ab? Was ist ihre innere Zerrissenheit? Aber ich gestand dem ersten Teil eine Art Welpenschutz zu. Schließlich erlangt Katniss selbst nur langsam einen Überblick.

Doch Teil zwei geht nicht weiter in die Tiefe. Er wiederholt das bereits Bekannte, fügt hier und da ein paar Details hinzu. Die Motive der Regierung bleiben im Nebel. Von einer Diktatur, die 74 Jahre funktioniert, hätte ich differenzierter denkende Führungskräfte erwartet. Wo sind die Ansprüche auf die einzig sinnvolle Weltordnung, wo sind die inneren Rechtfertigungen für Unterdrückung und Gewalt? Die Diktatur bleibt seelenlose Deko, der Dystopie wird keine Logik verliehen und sogar eine Landkarte fehlt. Bei einem Szenario, das ausdrücklich auf den Resten Nordamerikas beruht und die einzelnen Distrikte so extrem schematisiert, hätte das drin sein müssen.

Teil drei konnte die Trilogie leider nicht retten. Er wartet mit liebgewonnenen Elementen auf und präsentiert mehr Regierungsplanung vom Reißbrett. Jetzt gibt es zwar ein paar Führungscharaktere, die über die Stereotypen hinauswachsen, aber trotz Kriegsspiel und Actionspektakel fehlt der Rebellion letztendlich die Dramatik. Denn die epische Spannweite von Panem, die in den ersten Teilen suggeriert wird, zerbricht an der fehlenden psychologischen und philosophischen Tiefe. Es kämpfen keine Weltsichten gegeneinander sondern nur Gut gegen Böse. Aber wenn es nur eine Wahrheit gibt - warum sollte das Böse dann ganze 75 Jahre Bestand haben?



Die Ausstattung
Die von mir verschmökerte Ausgabe im Schuber ist wirklich ein Hingucker. Solide gebunden, außen mattschwarz und mit Goldprägung drauf und einzig die Blätter als Akzent - das gefällt mir besser als die Gestaltung zur deutschen Markteinführung. Es kommt den Originalen schon näher, ist auf jeden Fall dezenter. Ein Lesebändchen hätte ich zusätzlich gut gefunden, aber das ist wohl bei Jugendbüchern grade nicht in, oder?

Warum der deutsche Verlag das Original-Design mit dem im Buch sehr zentralen Spotttölpel-Symbol über Bord geworfen und durch eine Tarzan-Blaue-Lagune-mäßige Optik ersetzt hat, war mir schon vor der Lektüre schleierhaft - jetzt ist es mir ein noch größeres Rätsel. Die englisch Version gibt dem Computerspielcharakter von Panem viel angemessener Raum als die romantisierende deutsche Version.



Fazit
"Die Tribute von Panem" kann man lesen, muss man aber nicht. Die Bücher bieten keine neuen, originellen oder gar weltverändernden Gedanken. Das Beste am Plot sind die drei Hauptfiguren und ihre Beziehungskonflikte. Alles andere ist schmückendes Beiwerk - leider ohne tiefere Seele.