Samstag, 1. September 2012

Challenge-Exkurs: Kanon-Schweinereien

Über die Lieblingsbücher-Challenge bin ich mal wieder auf das Thema der Empfehlungslisten gestoßen worden. Und bin prompt über meinen Widerwillen gegen die Forderung nach geadelten Büchern gestolpert. Bevor ich aber in fruchtlose Grübelei verfalle, lasse ich euch einfach dran teilhaben. Vielleicht geht es dem einen oder anderen ja ähnlich.

Der Ruf nach der Definition "guter Bücher" ist meiner Erfahrung nach so unzerstörbar wie ermüdend. Während totalitäre Systeme den Negativ-Kanon (oder auch die schwarzen Listen) pflegen und Ungeliebtes gerne mal verbrennen, haben Feuilletonisten, Lehrer, und "Literaturprofis" den positiven Kanon als Instrument gewählt - und scheinen uns vorzuschreiben, was gute und was schlechte Bücher sind.


Aber das ist ja gewünschtes Ziel des Spiels. Wir wollen verbindliche Merkmale, die uns als Mitglied einer Gruppe ausweisen:  Drin oder draußen - ja oder nein - klug oder dumm. "Wenn Sie diese 100 Bücher gelesen haben, sind sie besonders gebildet. - Also los." Aber so einfach, wie es scheint, ist es natürlich nicht.




Schwierigkeit Nr. 1: Welches Schweinderl hätten's denn gern?
Es gibt eine Menge Kanoni Kanonen Kanons. Bei vielen gibt es untereinander Überschneidungen, aber alle haben auch ihre eigenen Bücher. Auswahl gefällig?
Nicht zu vergessen, die Bestsellerlisten, Bestenlisten, Buchvotings und Community-Rankings. Wer schießt denn hier mit Kanonen auf Spatzen?!



Schwierigkeit Nr. 2: Welche Sau wird durchs Dorf getrieben?
Jede Liste fußt auf einer bestimmten Fragestellung. Und jedes Ergebnis ist vom Zeitgeist beeinflusst. Nichtsdestotrotz gibt es auch Werke, die unsere heutige Welt geprägt haben und immer noch prägen. Diese im Original zu lesen statt nur darüber zu reden, ist sicher sehr erhellend. Aber:
  • wenn der Herr der Ringe 2004 auf Platz 1 vom ZDF liegt, hat das eventuell etwas mit den Kinofilmen zu tun. Oder aber Tolkien ist wirklich so ein hochgeachtetes Sprachgenie. Wer weiß.  
  • wenn Büchner, Kästner und Mann statt Schlink, Zeh, Kaminer oder Shami zum Grundwissen eines Abiturienten von 2012 gehören, kann es damit zusammenhängen, dass die Leselisten seit langem existieren und sich keiner traut, das Altbewährte zu streichen. Oder es liegt daran, dass die alten Herren bahnbrechend gute Schreiberlinge waren, die man kennen muss, bevor man die zeitgenössische Literatur versteht. Wer weiß.
Bevor ich also eine Empfehlungsliste "abarbeite", sollte ich mich fragen, ob der Erstellung eine Frage zugrunde lag, die ich auch stellen würde. Sonst ist diese Suche nach dem "guten Buch" für mich schon beim ersten Schritt zum Scheitern verdammt.



Schwierigkeit Nr. 3: Braten, Grillfleisch, Brotaufstrich?
"Gut" scheint mir ein zu knapp gefasstes Kriterium (nicht nur) für Bücher. Im Hintergrund schwingt immer die Frage: "Gut für was?" In der Ausbildung stieß ich auf den Begriff der Intersubjektivität, der mir für Buchempfehlungen gute Dienste geleistet hat. Denn
  • Ein "gutes Buch" empfohlen von Reich Ranicki kann einen cleveren, aber jungen Vielleser für immer von den Pfaden der Literatur abbringen.
  • Und ein "gutes Buch" empfohlen vom Nachbarskind, 5, wird für die Frau Doktor wohl keine horizonterweiternde Leseerfahrung bieten.
Beide empfohlenen Titel sind aus Überzeugung, mit Bedacht und vor allem mit gleicher Berechtigung als "gute Bücher" bezeichnet worden. Die Suche nach Gleichgesinnten beim Austausch über Bücher ist also ebenfalls wichtig.




Schwierigkeit Nr. 4: So alt wird kein Schwein
Nach meinem anfänglichen Kanon-Hunger in der Mittelstufe kam ich an einen wunderbaren Lehrer im Deutsch-LK. Der uns ermunterte, abseits der Listen und des "das sollte man" zu denken. Sein Motto: Es gibt viel zu viele gute Bücher, als das man empfohlene schlechte Bücher lesen müsste. Mit Beginn der Ausbildung traf mich die volle Breitseite des Buchmarktes und dieser Gedanke wurde mein Mantra, wenn ich wieder vor dem Berg Frühjahrsnovis stand. Denn

  • Gut ist, was gefällt. 
  • Alle guten Bücher dieser Welt kann niemand alleine (mit Genuss) lesen.
    (Wir rechneten es hoch - und kamen 1999 auf rund 90 Jahre Lesezeit.) 
  • Ergo: das Leben ist zu kurz für schlechte Bücher

Seither "spare" ich mir die Bestsellerlisten gerne und grabe mit Elan nach charmanten "anderen" Büchern. Auf der Suche nach solchen Nuggets im Bücherfluss stößt man natürlich auch oft auf Steine und Katzengold - und er kommt wieder auf, der Wunsch nach einer "sicheren Sache", einer Liste, die mir die Arbeit abnimmt.




Fazit: Wenn Schweine fliegen könnten...
Leselisten sind mir also Fluch und Segen zugleich. Instrument von Bildungsmissionaren, Abbild ihrer Zeit,  Inspiration für Gleichgesinnte, Grundlage für Gemeinsamkeiten und Diskussionen - aber hoffentlich für niemanden eine Pflicht, die er meint, abarbeiten zu müssen. Nur begeistertes Lesen ist keine Zeitverschwendung.

Der Wunsch nach dem ultimativen Kanon ist genau so berechtigt, wie verständlich, wie hoffnungslos. Ich werde wohl immer zwischen Interesse und Widerwillen hin und her gerissen sein.

Und so lange sich niemand durch so etwas die Freude am Lesen verderben lässt, ist mir ein Kanon in letzter Konsequenz herzlich egal.