Mittwoch, 27. März 2013

Mittwochs-Rezi: BETA von Rachel Cohn

4 von 5 Eselsohren

Dieses Buch habe ich im Rahmen einer gesponserten Leserunde bei Lovelybooks gelesen. Ich bekam es rechtzeitig zur Zugfahrt zur Leipziger Buchmesse. Leider lag die Plattform genau dann wegen eines Rundum-Updates brach und bei den vielen neuen Büchern war mein Zeitfenster für einen konzentrierten Austausch schnell wieder zu.

BETA ist der erste Teil einer Buchreihe - das wurde mir aber erst am Schluss der Lektüre und beim Blick auf den englischen Titel bei Amazon klar. Dieses Nichtkommunizieren im deutschen Marketing, hat mich etwas verschnupft zurückgelassen. Vor allem, weil das Marketing bei mir so funktionierte. Normalerweise lese ich Reihen lieber, wenn sie bereits vollständig sind.



Der Jugendroman ist eine Dystopie. Die Polkappen sind geschmolzen, das Leben für die Menschen nur noch dank Bio-Technik möglich. Auf einer elitären Insel herrscht spätrömischer Luxus im Überfluss und alle Arbeit liegt in den Hände von emotionslosen Klonen. Arbeiter, die den Traum von Sklaverei mit reinem Gewissen möglich machen.

Die Protagonistin von BETA - Elysia - ist einer der ersten Teenager-Klone und sie hat ein Problem: Sie ist nicht so gefühllos, wie sie sein sollte. An diesem Konflikt bricht die Autorin die utopische Welt. Unterhaltsam und ein interessanter Auftakt einer neuen Jugendbuch-Reihe.




Setting
Wir befinden uns auf Demesne, einer Insel, in der die Luft glücklicher und das Meer schöner macht. Hier leben nur die Reichen der Reichen, ein paar Vorzeige-Politiker und natürlich die Arbeiter, Klone. Das höchstes gesellschaftliche Ideal ist - neben vollkommener Schönheit - das Erreichen von Ataraxia. Was im Buch als Synonym für totales Glück benutz wird, bedeutet eigentlich totale Seelenruhe .

Mein Bauchgefühl sagte mir gleich, dass eine solch maßlose Glückseligkeit nichts für Menschen sein kann. BETA hat genau diesen Gedanken zur Grundlage, doch braucht Rachel Cohn etwas, um ihn jenseits der amerikanischen Holzhammer-Moral zum Leben zu erwecken.

Für mich gliederte sich das Buch in drei Teile. Teil 1 (Kapitel 1-14) ist ein Warmwerden, Einfinden und der Versuch einer Basis. Teil 2 (Kapitel 15-38) erzählt eine Geschichte mit allem, was ein guter Jugendroman braucht und Teil 3 (Kapitel 39-44) baut den Cliffhanger zum nächsten Buch auf.

Der erste Teil 
...hat mich ziemlich genervt. Er umfasst Elysias Verkauf, einen Rückblick auf ihre Entstehung im Labor und die ersten Begegnungen mit der utopischen Welt auf der Insel Demesne, die die zentrale Bühne des Romans ist.

 Die Autorin kämpft sichtlich mit dem Aufbau einer utopischen Welt. Leider wählt sie auch noch gleich zu Beginn die Ich-Perspektive Elysias. Das hätte, wenn man den Klon-Gedanken konsequent spinnt, einen sehr abstrakten Einstieg gefordert. Schließlich hat das Wesen zu Beginn seines Seins noch keinen Wortschatz, keine Konzepte der Welt, keine Erfahrung. Dennoch spricht Elysia von Anfang an sehr menschlich, benutzt Bilder und Vergleiche, urteilt für meinen Geschmack zu erfahren.

Das führt mich zu meinem zweiten Stolperstein: dem Konzept des "seelenlosen Klons". Das altbesetzte Wort "Seele" zu wählen, finde ich furchtbar. Es hätte viel philosophische Basis gebraucht, um dieses Unterscheidungsmerkmal sauber auszuführen. Stattdessen verheddert sich Cohn in einem verwaschenen Begriffmix von Gefühl, Sinneswahrnehmungen und Esoterik.

Einerseits können Klone nicht schmecken und produzieren kein Adrenalin, andererseits haben sie Panik, entwickeln Freundschaften untereinander, kennen Moral und Müdigkeit. Manche dieser Widersprüche klären sich später auf. Dennoch wäre gerade deswegen ein auktorialer Erzähler die glücklichere Wahl für den ersten Teil gewesen.

Im zweiten Teil
... hatte ich wirklich Spaß. Hier löst sich die Autorin von ihrer selbst angelegten Leine "Utopie" und macht das, was sie kann: gute Jugendliteratur schreiben. Mit echten Konflikten, echten Gefühlen, echten Zweifeln und echtem Glück. Zu diesem Zeitpunkt ist Elysia in ihrer neuen Familie angekommen und der Leser ist einmal über diverse Unstimmigkeiten hinweggegangen.

Jetzt bekommt das Personal Kontur. Da ist die Familie des Inselgoveners, der Elysia ab sofort gehört - ein Musterstück aus der Schublade "amerikanische Politikerfamlie". Außerdem die Teenagerclique des Sohnes, allesamt gelangweilte Wohlstandsblagen mit den üblichen Luxusproblemen von Mode, Drogen und Liebeleien. Dazu ein paar Referenz-Klone: eine angepasste Gesellschafterin des Goveners, eine nachdenkliche Haushälterin. Und mittendrin also Elysia, als Gesellschafterin für die beiden Kinder erstanden, vom Hausherrn nicht gern gesehen, als Beta-Version ein Prestigesymbol und Risikofaktor zugleich. Sie kämpft mit ihrer Angst, nicht normal zu sein (und deswegen vernichtet zu werden).

Im Verlauf der Geschichte verliebt sich Elysia einerseits in einen der Cliquen-Mitglieder, kommt immer mehr Ungereimtheiten auf Demesne auf die Spur und versucht mit den Gefühlen und bruchstückhaften Erinnerungen, die sie nicht haben dürfte, umzugehen. Dabei kommt eine Stimmung auf wie in "Reich und Schön" oder "O.C. California" mit einer leichten Einfärbung Richtung "Tribute von Panem" und "Schöne neue Welt". Liebesgeschichte, Eifersüchteleien, Inselpolitik, Gerüchte, Galabälle, Intrigen, Halbwahrheiten, Manipulationen. Dann Rebellion, Romeo und Julia und ein Mord...

Der Mittelteil endet mit einem Bruch Elysias mit ihrer Welt. Sie flieht Hals über Kopf von der Insel, springt ins Meer, ins Ungewisse.

Der dritte Teil 
...will dann zu viel für meinen Geschmack. Die Autorin greift nochmal in die Schublade, auf der "Gesellschaftskritische Utopie" steht. Elysia landet auf einer Insel außerhalb der heilen Welt Demesnes. Sie wird von einer weisen Frau gepflegt, hat erstmals die Chance, das volle Ausmaß der Konflikte zu begreifen, trifft eine neue Bezugsperson und am Ende den Menschen, mit dem man im Buch am wenigsten rechnet.

Viel von dem hätte man auch schon geschickt in den Mittelteil oder sogar in den Anfang der Story flechten können. So wirkt es auf mich überdramatisiert. Vielleicht bin ich auch durch große Würfe wie "Das neue Buch Genesis", "Die gelöschte Welt" oder "Globalia" einfach zu verwöhnt. Vielleicht reicht das, was Rachel Cohn da abliefert für eine gute Teenager-Utopie.

Fazit
Während mir Teil 1 gar nicht und 3 nur mäßig gefiel, hatte ich beim Lesen des Mittelteils meinen Spaß. Zwar stehen die Stereotypen geradezu Schlange, aber das macht den an sich bedeutungsschweren Plot amüsant und leicht nachzuvollziehen. Der unangestrengte Schreibstil und die sympatische Elysia machte für mich vieles wett. Das nagende Gefühl eines blinden Flecks bei dem, was mir als Leser erzählt wurde, ließ mich die Geschichte gespannt verfolgen. Die geschürten Erwartungen enttäuscht die Autorin nicht und macht Lust auf mehr. An manchen Stellen hätte ich mir die Erzählweise aber etwas präziser und überlegter gewünscht. Das alles führt zu vier wohlwollend vergebenen Eselsohren.

Noch ein Wort zur Gestaltung
Der Buch-Satz gefällt mir, die serifenlose Schrift bringt einen Gutteil der Nüchternheit mit, die die Handlung braucht und die Überschriften-Typo ist angemessen abstrakt. Stimmig. Das Cover selbst finde ich ebenfalls passend und ich bin gespannt, wie die weiteren Teile aussehen werden. Das Klon-Porträt der oben schon verlinkten, englischen Ausgabe wird dem Innenteil allerdings noch einen Tick gerechter. Während das deutsche Titelgesicht dem heutigen Schönheitsideal eines Menschen nahe kommt, greift das englische die Information aus dem Buch auf, dass man auf Demesne einem überzeichneten, surreal-superschönen, ins Griechische tendierenden Idealbild nachjagt.

Erschienen bei cbj
ISBN 978-3-570-16164-7
gebunden für 17,99 Euro
vorliegend als broschiertes Leseexemplar