Mittwoch, 13. März 2013

Mittwochs-Rezi: Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann

5 von 5

Vielgelobt und vielverkauft war dieses Buch bei Erscheinen. Ich habe es in seinem ersten Publikationsjahr auch oft und freudig über die Ladentheke gereicht und an Bücherherzen gelegt. Selber gelesen habe ich es jedoch erst vor kurzem. Im Rahmen der Buchschenker-Aktion, die 2012 zum Welttag des Buches über die Bühne ging, wanderte "Die Vermessung der Welt" in mein Regal.



Der Stil ist gewöhnungsbedürftig - gleichzeitig nüchtern und subjektiv. Kehlmann lässt den Leser in die Ausnahmegehirne von Gauß und Humboldt tauchen. Wir begleiten sie bei ihren Entdeckungen, durch ihr Leben, durch ihr Leiden - beim Aufstreben, Scheitern und Altern.

Dieses Buch in eine PR-Aktion für das Lesen mit aufzunehmen, war eine gute Idee. Denn Kehlmanns Worte haben Macht und regen zum Weiterdenken an. Sowohl das Buch selbst als auch seine beiden Protagonisten beweisen eindrucksvoll, welche Macht das geschriebene Wort hat und welche Erkenntnisse sich durch das Lesen eröffnen können.



Doch Vorsicht: "Die Vermessung der Welt" ist kein klassischer Schmöker. Die Erzähl- und Denkgeschwindigkeit ist hoch. Obwohl durch die Abenteuer von Humboldt ordentlich Action vorhanden wäre, geht es vielmehr um die philosophischen Herausforderungen, die so eine Reise mit sich bringt. Neue Horizonte, neue Kulturen, neue Denkansätze.

Gauß ist ein Sonderling, Humboldt nicht weniger. Die Subjektivität der Erzählungen fordert vom Leser ordentlich Gehirnschmalz. Was geschieht gerade? Was würde ein "normaler" Mensch in dieser Situation sehen und erzählen?

Ich bin mir sicher, viele Seitenhiebe und Hinweise überlesen zu haben. Um das Buch zu verstehen, sollte man auf jeden Fall vorher herausfinden, wie das Machtgefüge in Europa zur Handlungszeit war, wer Goethe und Schiller waren und was sie wollten, auf welchem Stand die Technik war. Auch ein grober Eindruck über den Lebenslauf und die Errungenschaften  von Gauß und Humboldt wäre hilfreich. Denn hier wird nicht erklärt, sondern begleitet. Ich hatte Wikipedia ständig offen und schlug viel nach - aber das macht die Erzählung aber nicht weniger gut. Im Gegenteil: Ich finde es wunderbar, zum Nachlesen herausgefordert zu werden.

Ich las und dachte wie außer Atem, hing an jedem Wort. Als ich die letzte Seite umschlug, fühlte ich mich, als hätte ich versucht eine Straße während eines Marathon-Massenstarts zu überqueren. Irgendetwas Großartiges ist da über mich hinweggerollt.