Samstag, 21. September 2013

38. von 52 Buchfragen: Gibt es ein erzählenswertes Erlebnis in einem Buchladen?

Eins?!

Ich glaube, jede Buchhändlerin hat einen ganzen Sack voll. In vielen Kontoren dieses Landes liegt eine Kladde mit originellen Buchkauf-Dialogen, früher gab es einen wundervollen Blog und bevor es Blogs gab, brachten fleißige Buchhändler die Titelverdreher, Missversteher, Alleswisser und Dreistigkeiten bereits im Selbstverlag heraus. Aber es gibt auch die Pralinenschenker, die Sonnenscheine, die Herzlichen, die Strahlenden, die Aufmerksamen, Mitfühlenden, Tagrettenden.

Im Rahmen der Prima Vista Lesungen der Lauscherlounge gibt es sogar eine vorgelesene Variante.




Und natürlich habe auch ich meine Top 5 der komischen Begegnungen:




  1. Titel postulieren statt Buchhändler begrüßen:
     Kunde tritt an die Kasse, ich blicke auf und bevor ich irgendetwas sagen könnte, sagt er im Brustton der Überzeugung: "Ich habe keine Socken an." und starrt mich erwartungsvoll an. (Gesucht war "Ich habe keine Schuhe nicht." und der Kunde selbst besaß zwei Socken. Sogar farbgleiche.)
  2. Bildungsbürger, die ihr Zweidrittelwissen als Expertenwissen verstehen:Teuer gekleidete Kundin betritt den Laden, mustert mich von unten nach oben, befindet mich des Ansprechens für würdig und verlangt: "Guten Tag. Geben Sie mir das Buch [Äntigoun]." Ich verkaufte ihr Antigone.
  3. Grenzenloses Vertrauen in die Themenvielfalt des Gedruckten:Kunde: "Hallo, ich suche ein Buch über altägyptische Erziehung."
    Ich: "Oh, da schaun wir mal" *recherchier* "Es gibt hier eine Dissertation zum Thema antiker Schulformen."
    Kunde: "Nein. Ich suche ein Buch nur über altägyptische Erziehung."
    Ich: (um Auflockerung bemüht) "Tut mir leid, aber ich fürchte, das muss erst noch geschrieben werden."
    Kunde: (vorwurfsvoll und todernst) "Dafür brauche ich es ja."
  4. Aktive Datenschützer
    Ich: "Tut mir leid, das Buch haben wir nicht. Wir können es zu morgen bestellen." (ja, Lieblingssatz.)
    Kunde: "Meine Güte! Nagut. Aber dann verlange ich, dass sie es mir zuschicken. Portofrei!
    Ich (des grantigen Kunden langsam müde): "In Ordnung." (Formularausfüllend frage ich:) "... und jetzt bitte Ihre Anschrift."
    Kunde: "Wie bitte? Sie glauben doch wohl nicht, dass ich Ihnen einfach meine Adresse gebe!"
  5. Kunden mit persönlichem Bezug zu Büchern Medizinischer Schnäppchentag zum Semesterstart. Ich stehe bei den anatomischen Atlanten. Kundin tritt heran, blättert in einem Anatomiebuch mit Schichtaufnahmen aus den 70ern.
    Kundin: "Ach ja, wie schön, dass es das noch gibt. Da hat mein Mann dran mitgewirkt."
    Ich: "Oh wie interessant. War ihr Mann Mediziner hier an der Uni?"
    Kundin: "Neinnein. Aber es darf ja jeder spenden. Und es ist doch besser, wenn die Forscher nochwas mit dem Körper anfangen können, als wenn man ihn einfach gleich verbuddelt, nech?"
    Sagts, streicht versonnen über den Atlas, lächelt und lässt mich - perplex - stehen.