Freitag, 15. Juni 2012

Es geht los: Kieler Woche 2012

Heute Abend wärmt Kiel sich auf, denn Samstag wird sie offiziell eröffnet, die Kieler Woche. Wie jedes Jahr in der vorletzten Juni-Woche. Als Nicht-Norddeutscher muss man sich Kiel in der Zeit vorstellen wie eine Mischung aus London zur Olympiade, Düsseldorf zum Karneval und Bochum während BochumTotal. - Vielleicht ein biiiisschen nordisch-kühler. ;)

16. bis 24. Juni 2012
Etwa 50 Wochen im Jahr ist Kiel das charmante aber eben doch provinzielle Landeshauptstädtchen weit weit im Norden. Es werden die Ostsee-Fährentouristen hindurchgeschleust, Studenten clustern sich in ihrer Szene, der THW feiert seine Handball-Erfolge in der Ostseehalle und die Nähe zum Strand macht die Kieler stolz. Kiels Liebenswürdigkeit lernt man erst richtig kennen, wenn man sie sich als Einwohner Stück für Stück erarbeitet hat.

Und dann kommt eine Woche, in der die Kieler alles nach vorn holen, was sie eigentlich können - diese eine Woche ist gewissermaßen das Destillat der Stadt. Die Angebots- und Zielgruppenbreite ist enorm. Segelsportler, Seefahrer, Kulturfans, Festivaltouristen, Familien, Geschichtsinteressierte, Partynomaden. Sommernachtsträumer - alle kommen auf ihre Kosten.

Rausch, Überangebot und Menschenmengen einerseits und perfekt getaktete Busverbindungen, geschmückte Promenaden und echtes Fördeflair an jeder Ecke andererseits. 10 Tage lang.

Ein Besuch der Stadt lohnt sich auf jeden Fall. Wer sich vorher schlau machen will, dem sei das Portal der Stadt empfohlen. Das ist inzwischen wirklich gelungen und informativ für jede der vielen Zielgruppen. Eine aufbereitete Übersicht über alle Musik-Events liefert der Konzertplan to go von KielERleben oder die Tabelle vom ultimo-Stadtmagazin.

Wer noch hadert, lese einfach meine Liebeserklärung an die Kieler Woche, die jetzt folgt.


Das gewisse Etwas
Musikfestivals gibt es viele, Stadtfeste, Freßmeilen und Kulturmärkte auch. Die besondere Atmosphäre der Kieler Woche aber beruht auf der Nähe zu den Seglern und dem Wasser. Zum einen sind da die ganzen privaten Bootsbesitzer und Segeltouristen. Sie terminieren ihre Sommertörns zum großen Fest und legen in den Häfen parallel zu den Partymeilen an. Geschmückte Boote, volle Stege, fröhliche Gemeinschaften überall.

http://www.kieler-woche.de/sommerfest/Karte_Lageplan.pdf

Zum zweiten verbreiten die Regatta-Sportler umtriebige Atmosphäre. Braungebrannt und in sponsorbedrucktem Outfit sieht man sie Abends in der Begleitung von Teamkollegen und Konkurrenten ihre Taktiken diskutieren, auf die zurückgelegten Regatten anstoßen und von kommenden Wettkämpfen in der großen weiten Welt erzählen.

Blick von der Ostseite der Hörn Richtung Förde

Und zum dritten sind da die eindrucksvollen Großsegler und Museumsboote. Viermastbarken, Windjammer, Shuffleboats, Hansekoggen - darunter oft Berühmtheiten wie das "Becksschiff" mit den grünen Segeln (die Alexander von Humboldt, inzwischen in "Rente"), die Gorch Fock (seit den Skandalen heimlich still und leise fern geblieben) oder die russische Krusenstern. Die Besatzungen tragen dabei genau so zur Stimmung bei, wie die Schiffe selbst. Beim Anblick der schmucken Marinesoldaten, die in Ausgehuniform die Bälle und Flaniermeilen bevölkern, kommt echte Seefahrerromantik auf.

Der krönende Abschluss: Die Windjammerparade am Samstag



Die bestimmende Optik 
Das Kieler-Woche-Plakat ist jedes Jahr optisches Leitmotiv des Marketings. Printmedien, Merchandise, Flächendeko - alles im Corporate Design. Ein Wettbewerb zu dem renommierte Grafiker und vielversprechende Newcomer eingeladen werden, entscheidet über das allgegenwärtige Motiv. Einfach ist so ein Entwurf sicher nicht.

Mein liebstes Plakat
Das Kiele-Woche-Plakat ist entscheidend für das Festtagsgewand der Stadt. Das Design muss minimalisiert bis zur Krawattennadel ebenso unverwechselbar seine Wirkung entfalten wie irrsinnig vergrößert auf Plakatwänden oder verzerrt auf Litfaßsäulen und Fahnen.

Über Geschmack lässt sich ja trefflich streiten, doch die Plakat-Galerie aller Leitmotive seit 1948 ist ein großartiges Abbild der Grafikkunst im Wandel der Zeit.

Darüber hinaus sind die Entwürfe oft Preisträger nationaler und internationaler Designawards und als Plakate und Fahnen heiß begehrtes Sammelobjekt. Und obwohl die Merchandise-Produkte recht einfach zu bekommen sind, kann die Begeisterung für ein Motiv schon mal bis hin zum nächtlichen Fahnenklau ausarten.


Das berühmte Wetter
Zu guter Letzt noch eine Warnung: Das sprichwötliche "Kieler-Woche-Wetter" hat nichts mit dem "Kaiserwetter" zu tun, auch wenn der alte Wilhelm lange Zeit mit seiner Meteor Stammgast war. Im Gegenteil. Die Kieler Woche fällt zielsicher in die Schafskälte, damit ist durchwachsenes Wetter vorprogrammiert.

Vorhersage 2012
www.wetter.com
Für die Segler, die ja der Dreh- und Angelpunkt des ganzen Events sind, ist das wunderbar. Wechselhaftes Wetter geht in der Regel mit Wind einher. Für die nicht segelnden Besucher heißt es aber leider vor dem Feiern: Regenjacke über Annorak über T-Shirt  und hochkrempelbare Jeans sowie wasserfestes aber sommertaugliches Schuhwerk. Oder auch "Kieler-Woche-Schichten".

Man mag das blöd finden, denn an richtig richtig gutes Wetter erinnere ich mich nur aus dem Jahr 2006, als parallel zur Kieler Woche das deutsche Sommermärchen stattfand und man sich vor Sonne kaum retten konnte.

Aber man kann es auch positiv sehen, denn richtig richtig schlechtes Wetter hab ich auch nur einmal erlebt. 2005 als die Bierstände auf Glühwein umschwenkten und aller Dreck vom Dauersturzregen in die Förde gespühlt wurde.


Und jetzt los!
Man vermisst ja immer das, was man grad nicht hat. Aber von Kiel trennt mich zum Glück inzwischen nur noch eine halbe Stunde Bahnfahrt oder Auto. Ich werde mich also den einen oder anderen Abend ins Getümmel stürzen und die wundervoll volle, bunte, laute Woche genießen. Ein paar Bühnen besuchen, die Kiellinie entlangbummeln, mich durch den internationalen Markt futtern, die Balloonsail begutachten oder im Bootshafen den Wakebordern zusehen.Viel Spaß jedem, der es mir in diesem Jahr gleich tut.

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