Mittwoch, 20. Juni 2012

Ton trifft Herz: Anna Depenbusch

Dieser Augenblick, in dem mir neues oder bisher unbekanntes Lied über den Weg läuft und mir einfach so das Herz aufgeht - wundervoll. Anna Depenbusch war so ein Erlebnis für mich. Drüben bei Herrn Buddenbohm sah ich vor gut einem Jahr einen Veranstaltungstipp, surfte von Texten zu Videos und schließlich zum Webshop. Seither sitzen ihre Alben so fest auf meinem MP3-Player, als gehörten sie zur Werkseinstellung. Wollt ihr mal reinhören?



Ich mag ihre Lebensfreude und ihr Selbstbewusstsein - noch im allertraurigsten Blues schimmert beides durch. Dann ihre Stimmlage, die nach Meer und blauem Himmel, nach Möwen und weiter Welt klingt. Auch die Lust am Fabulieren, Erzählen und sich-von-der-Seele-singen bezaubert mich. Und zu guter Letzt gefällt mir die Mischung aus Chanson und Ausflügen ins weite Feld der Stile, die allesamt genau wissen, welche Seite im Zuhörer sie anschlagen wollen und warum sie das tun.

Zwei Alben in 6 Jahren. Ihrer Linie bleibt sie dabei treu.





Wenn ich die Songs gemixt im Player höre, konnte ich anfangs kaum unterscheiden aus welchem Jahr sie sind. Keine Etwicklung in 6 Jahren? Aber nein! Doch sie spart sich den extremen Bruch. Anna Depenbusch bleibt sich und ihrem Klang treu. Das zweite Album ist klarer definiert, würde ich sagen.

Auf dem ersten Album findet sich viel instrumentelles Experimentieren und Wegdriften. Auf dem zweiten Album spielt Frau Depenbusch eher mit der Gesamtwirkung. Statt Klang- und Sprach-Assoziationen finden sich jetzt Experimente mit Stilrichtungen - ich meine Pop-, Country- und Klassikexperimente zu hören (aber ich habe ein eher dünnes musiktheoretisches Grundwissen). Die Lust an der eigenen Stimme und der Mut, fixe Gedanken zu Ende zu spinnen ist im ersten Album schon da, im zweiten werden diese Sachen aber auch Laien wie mir zugänglich.

Generell sind es sowohl 2005 als auch 2011 die  Lebensreflexionen einer optimistischen und lebensfrohen Frau - mal präzis beobachtend, mal gedanklich mäandernd. 2011 ist diese Persönlichkeit eben eher 30 als Mitte 20 - aber sie gehört der "Wenn ich mal groß bin..."-Generation an, die sich die Mahnung von Maffay, Ende und Co. zu Herzen nahm und das Kind in sich kultiviert.

Im Webshop von Anna Depenbusch findet ihr die Kaufmöglichkeiten, Hörproben und alle Songtexte. Eine wirklich schöne Seite. Und hier ein kurzer Überblick von mir zu allen Tracks:

Die Mathematik der Anna Depenbusch (2011)
und Die Mathematik der Anna Depenbusch in Schwarz-Weiß (alles mit Klavier) 

  1. Tim liebt Tina
    Der Freundeskreis als Beziehungskarrussel in ein leichtes Liedchen verpackt
  2. Glücklich in Berlin
    Vom Gönnen können und der Sehnsucht nach den Auswanderern
  3. Monoton
    Hat sie das für meine Freunde geschrieben? Ich fühl mich immer angesprochen.
  4. Astronaut
    Herzzerreißende Ansprache an einen Eskapisten. Schön!
  5. Wir sind Hollywood
    Locker-Poppig-Lalala - Wir haben Spaß und das ist auch so gedacht.
  6. Madame Clicquot
    Zu schön um ernsthaft zu fragen, was sie mir mit dieser Miniatur sagen will...
  7. Das Lied vom Kuss
    Sehnsuchtsliebe in Tüten.
  8. Wenn Du nach Hause kommst
    Herrlich böses Frauenstück mit einem Hauch von Weibchen. 
  9. Ebbe und Flut
     Optimistischer Pessimismus gefällig? Hier.
  10. Alles auf Null
    "Du brauchst dich nicht hübsch anzuziehn, komm raus und lass und tanzen geh'n!"
  11. Tanz mit mir (Haifischbarpolka)
    Schwelgt, schwooft, kippt - ganz wie ein Abend in der Haifischbar.
  12. Kommando Untergang
    einfach anhören

Ins Gesicht (2005)

  1. Engel
    Ein bisschen größenwahnsinnig - da nimmt sie mich nicht mit
  2. Tango
    Vom mutwillligen Sich-selbst-das-Herz-brechen
  3. Heimat
    Eindeutig einer meiner Favoriten. Herzberührung pur.
  4. Ins Gesicht
    Was, wenn man nur ein Bild seiner selbst zu lieben erlaubt hat?
  5. Strandgut
    Instrumental - da bin ich raus
  6. Ausflug
    ein wenig wirr - wie die Gefühlswelt der Frischverliebten
  7. Nimm mich zurück
    Das Bedauern, wenn der Trennungsschwung nachlässt. Licht unterm Scheffel.
  8. So laut
    Berührende Miniatur. "...bin ich nicht gut genug für dich - frau genug?"
  9. Streichholz
    Instrumental - wie gesagt..
  10. Leinen los
    "...weil ein Herz, das liebt, die schönsten Lieder singt."
  11. Schlaflied
    Das allerschönste allerwahrste Lied über falsches Mitgefühl am Ende eines "Wir"
  12. Und irgendwo verbirgt sich noch das "Irrlicht" - ist aber auch instrumental
Noch was:
In diesem Jahr bekommt sie den Fred-Jay-Preis verliehen. Damit steht sie in einer Reihe mit Silbermond, Roger Cicero oder (im letzten Jahr) Clueso. Glückwunsch!