Mittwoch, 21. März 2012

Mittwochs-Rezi: Die Bücherdiebin von Markus Zuzak

5 von 5 Eselsohren

Hass und Herrlichkeit - Dieses Buch ist grausam! Nahezu ungefiltert klatscht dem Leser die deutsche Realität des 3. Reichs ins Gesicht. Eine brutale Sprache für eine brutale Welt. Punktgenau wählt Zuzak seine Worte und vermittelt so Gefühle wie Nadelspitzen. Hier sieht man einen Sprachkünstler in Aktion.


Mir hat sich "Die Bücherdiebin" erst im zweiten Anlauf erschlossen. Beim ersten Versuch bin ich an vielen Kleinigkeiten gescheitert. Hauptsächlich am Kriegsthema und am pathetisch erzählenden Tod. Das Brutale hat mich so erschüttert, dass sich etwas elementar in mir sträubte und alle Figuren einen schlechten Stand hatten. Das Mädchen zu unbeholfen, die Pflegeeltern zu grobschlächtig, der Tod zu banal. Doch es bekam eine zweite Chance - zum Glück.


Dass ich die Bücherdiebin schließlich doch getroffen habe, verdanke ich dem "Joker". Hier konnte ich mich auf Milleutreue und unmittelbare Sprache einfacher einlassen und als ich nach der Lektüre nach "mehr Zusak" suchte, stellte ich fest, dass eins meiner weggelegten Bücher von ihm ist.

In "Die Bücherdiebin" erweckt Zuzak die kleine Liesel zum Leben. Ihre Mutter ist Kommunistin und wird in ein Lager gesteckt, die Kinder kommen zu soliden Deutschen in eine bayrische Kleinstadt. Ihren Bruder verliert das Mädchen jedoch noch auf dem Weg - er stirbt. Erzählt wird nicht nur beobachtend aus der Realität des Kindes sondern auch lakonisch-rückblickend durch den Tod als Entität, die zu dieser Zeit auf großem Erntezug im 3 Reich ist. Zwischen Krieg und Alltag, Vernichtung und Not wird Liesel älter - liebt und sorgt sich wie ein ganz normaler angehender Teenager - und findet über gestohlene Bücher eine Beziehung zu ihrem Ziehvater. Am Ende fallen die Bomben auf München - aber der Tod hat sich in sie verliebt...

Im zweiten Anlauf habe ich dieses Buch verschlungen. Habe es als Ganzes lieben gelernt. Auch wenn es manchmal arg deutschtümelt. Auch wenn mich Weltkriegs-Bücher mit Widerwillen erfüllen. Auch wenn die Kleinstädter eine abstoßend ordinäre Sprache pflegen. Auch wenn die Kriegsschrecken zwischen den Seiten hervorbersten.

Wann ich das letzte mal beim Lesen so geheult habe, dass ich nicht mehr weiterlesen konnte? Bei der Bücherdiebin. Ich stand daneben, ich ging mit, ich hoffte und litt. Zusaks Worte haben ungeheure Kraft - im Joker nutzt er sie positiv, in der Bücherdiebin grenzt es an Macht-Missbrauch. Und trotz allem kann ich nicht anders, als volle fünf Eselsohren zu vergeben. Alles andere wäre ignorant, denn noch nie ist mir so ein ergreifendes Buch untergekommen.

Erschienen in 2 verschiedenen Cover-Versionen: Als Erwachsenenausgabe bei Blanvalet, als Kinderbuchausgabe bei cbj. Ich finde, die Blanvalet-Ausgabe hätte auch in einem Kinderprogramm gut ausgesehen - daher war ich leicht gepestet, als ich diese Ausgabe ein paar Wochen nach meinen Bücherkauf entdeckte.

Bei mir vorhanden als cbj-Hardcover
ISBN 978-3-570-13274-6