Mittwoch, 14. März 2012

Mittwochs-Rezi: In die Wildnis / Into the Wild von Jon Krakauer

5 von 5 Eselsohren

Piper brachte vor einiger Zeit eine kleine Backlist-Aktion zum Thema Aussteigen heraus. in Leinenbroschur gebunden mit Leseband und etwas kleiner als das herkömmliche Taschenbuchformat macht sie haptisch wirklich was her und orientiert sich optisch an den Taschenbuchausgaben. Neben Kerkelings "Ich bin dann mal weg", das ich bereits als gebundene Ausgabe habe, lag dort auch Krakauers "In die Wildnis". Bevor ich es in der Buchhandlung sah, hatte ich noch nie davon gehört. Ein Blick auf den Klappentext reichte mir allerdings als Kaufargument. "Alaska", "Aussteiger", "Sinnsuche" sind Stichworte, die mich immer reizen.


Von der Geschichte kann man sehr viel oder auch sehr wenig halten. Ein Aussteiger, der nur wenige Meilen von der Zivilisation entfernt unter tragischen (oder sinnlosen?) Umständen stirbt. Schnell ist man versucht, den Aussteiger als Dummkopf zu verurteilen - aber die Welt ist nicht schwarz-weiß und eine vermeintlich einfache Lösung kann durch die Biographie des Einzelnen meilenweit weg sein. Das vor allem hat mir das Buch vermittelt. Die Reportage gehört zu den Impulsen, die ich in meinem Leben auf keinen Fall missen möchte.
Später fand ich heraus, dass es auch eine Filmadaption davon gibt. Und auch diese möchte ich euch ans Herz legen.

Krakauers Werk ist kein Roman im herkömmlichen Sinne sondern eine ausgefeilte und ausführliche Reportage. Akribisch recherchiert und mit echtem Talent aufgeschrieben. Der Journalist und Autor befasst sich mit dem Leben und Sterben von Chris McCadless. Er war Wohlstandskind, Vorzeigestudent, Amerikaner und dann geht er in die Wildnis und stirbt. - Wie bitte?! Wo leben wir denn?

Ich war selber in Alaska, ich habe die Wildnis gesehen und auch die niemals verschwindende Zivilisation. Ich bin über die Highways gefahren, von Parkplätzen aus in die Tundra gewandert und ich war fasziniert von den widerstreitenden Intuitionen, die solche Wanderungen mit sich brachten. Ja, da ist teilweise NICHTS. Ja, man trifft auf Grizzlybären und Elche - aber zugleich auf amerikanischen Tourismus. Dieses ganze Land ist der ökologisch korrekte Ferienpark der USA. Hier kommen Flitterwochenpärchen und Goldhochzeitspaare hin und treffen auf Halbjahresaussteiger und Extremfischer. Hobbybiologen fahren auf Kuttern den Walen hinterher und die nächste Fuhre ebendieser Kutter fängt Kabeljau und Lachs in Massen. Die Wildnis Alaskas ist zwar greifbar aber zugleich urbar gemacht von findigen Amerikanern. Und dort soll ein Junge ums Leben gekommen sein? Andererseits: Es sterben auch in den Großstädten Menschen auf unnötige und somit tragische Weise...

Also zurück zum Buch. Die Kurzbeschreibung schien mir vorhersehbar und doch sich war neugierig, was Krakauer gefunden hatte. Zu Recht, denn er findet mehr als die "Dummer Junge vergiftet sich in vermeintlicher Einöde"-Geschichte. Er findet Fragen und Konflikte eines Heranwachsenden in einer sich wandelnden Welt. Findet die Fragen und Konflikte eines Menschen in einer kapitalistischen Umwelt, der auf Thoreau und Tolstoi stößt, der festzustecken droht im Wohstandsumpf.

Chris' Geschichte trägt die Gedanken von Freiheit und Unabhängikeit, von der Sehnsucht nach Naturverbundenheit und Wahrhaftigkeit in sich - und den Konflikt, wie diese Werte im Amerika der 1990er zu leben sind. Krakauer gelingt es, trotz des von vorn herein feststehenden Endes eine mitreißende Dramaturgie aufzubauen. Er zieht den Leser in Kreisen immer tiefer in das Leben des getriebenen Teenagers und Aussteigers. Und nebenbei erzählt er von vielen Aussteigern vor ihm, die von der Wildnis verschlungen oder gebannt wurden.

Der Journalist macht die Reise nachvollziehbar. Allein dadurch wird das Unnötige am Tod des Jungen noch greifbarer. Doch zugleich lässt er den Leser fragen: "Wer sind wir, dass wir über die Triebfedern und Wünsche eines anderen Menschen richten können?" Mir hat die Tragik dieses Lebens die Luft abgeschnürt - und zugleich empfand ich den Roman und auch den Film als eine Möglichkeit, den Tod des Chris McCadless mit ein wenig Sinn zu füllen. Durch das Plakative daran, das andere Möchtegernaussteiger vielleicht erreichen kann.

Tragt ihr euch mit Aussteiger-Gedanken? Dieses Buch ist EUER Buch. Das Werk hat mich - zu meiner eigenen Überraschung - tief berührt. Ich habe während der Lektüre viel Tagebuch geschrieben, mein Leben mit anderen Augen gesehen und am Ende ganz fürchterlich geheult. Alles wegen einer Reportage? Ja. Einer verdammt guten. Dass ich auf den Pfaden, die Chris in Alaska ging, einmal selbst gewesen bin, machte die Sache nur noch besser.

Der Film setzt die Rechercheergebnisse verdammt gut um. Neben gut gecasteten und phantastisch spielenden Darstellern bietet er einen herzzerreißend schönen Soundtrack und große Bilder. Wem das Buch zu viel ist, der sollte sich zumindest den Film ansehen.


Erschienen bei Piper 
Bei mir vorhanden als Sonderausgabe 
ISBN 978-3-492-25974-3