Mittwoch, 22. August 2012

Mittwochs-Rezi: Das Buch, in dem die Welt verschwand von Wolfram Fleischhauer

5 von 5 Eselsohren

"Es gibt nur ein Davor und ein Danach. Kein Dazwischen. 
Und vor allem: kein Zurück." 

Seit der Titel auf den Markt kam, stand "Das Buch, in dem die Welt verschwand" immer mal wieder auf meinen Kauf-, Wunsch-, Tauschlisten - doch nie ganz oben, denn ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Der Titel klingt philosophisch - der Klappentext eher nach Krimi. Jetzt kam es über meine Eltern in meinen Besitz, die es als Krimi gekauft und dann als "schrecklich verkopft und langatmig" beiseite gelegt hatten.


Ich nahm es auf, las es skeptisch und löse auf: Die Rahmenhandlung kommt als Krimi daher, doch der Kern des Buches ist die Lust an der philosophischen Weltbetrachtung.




"Das Buch, in dem die Welt verschwand" ist eine Lektüre für passionierte Grübler. Wer keine Freude daraus ziehen kann, über Weltordungen, Weltumbrüche, Horizontverschiebungen und Gesellschaftsstrukturen nachzudenken, der wird es nicht mögen.

Der Krimi (Die Verpackung)
 Um 1780 begibt sich der junge Arzt Nicolai Röschlaub auf die Spur merkwürdiger Morde und gerät in die Schusslinie mächtiger Männer. Medizin ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht lang als Wissenschaft an der Universität anerkannt und dümpelt jenseits der Lehre noch zwischen Blutegeln, Klistieren und Kräuterhexen.

Für einen aufstrebenden Mann aus bürgerlichem Stand sind das schlechte Voraussetzungen. Röschlaub hat resigniert und beobachtet regelrecht genervt die abergläubischen Praktiken seiner Vorgesetzten. Dennoch erregt sein scharfer Verstand die Aufmerksamkeit der Ermittler. Zwischen zwei Fährten, brutalen Überfällen auf Postkutschen sowie einem mysteriösen neu entdeckten Gift, versucht er über das Motiv der Täter hinter ihre Identität zu kommen.

Die philosophische Betrachtung (Der Buchkern)
Das Herz des Buches ist ein Hineinfühlen in einen Zeitgeist. Auf der Schwelle zwischen Mittelalter und Aufklärung tobt ein innerer Kampf um Erleuchtung, Fortschritt, Moral und Wissen. Die Welt liegt in den Geburtswehen einer neuen Zeit. Was bedeutet das für die Menschen, die in ihr leben? Sie sitzen regelrecht zwischen den Stühlen ohne es zu merken. Erst rückblickend - mit dem Wissen von heute - können wir die ungeheuren Anstrengungen ahnen, die der Sprung vom klerikalem Mittelalter zu einer fortschritt- und forschungsorientierten Weltsicht gekostet haben muss.

Fazit
Die Dramatik und Spannung des Buches entsteht aus dem Zusammenspiel von heutigem und damaligem Allgemeinwissen. Um Fleischhauers klugen und durchdachten Dialogen zu folgen, braucht es eine universitäre Bildung. Die Geschichte der Philosophie, Religion und Politik der damaligen und heutigen Zeit ist wichtig für das Verständnis. Ohne dieses Wissen liest man nur einen mäßigen bis langweiligen Krimi mit halbherzigem Schluss. Ohne den Willen zum Mitdenken, Schlussfolgern, Nachvollziehen und Hineinversetzen wird dieses Buch keine Spannung entwickeln. Wer sich aber auf die Gedankenexperimente einlässt und sich von so etwas begeistern lassen kann, der bekommt hier ein großartiges Stück, das klug den Wert der Aufklärung zur Diskussion stellt.

Mich hat "Das Buch, in dem die Welt verschwand" tief berührt zurückgelassen.

Als Taschenbuch erschienen bei Droemer/Knaur
ISBN 9783426627754