Mittwoch, 1. August 2012

Mittwochs-Rezi: Splitterherz von Bettina Belitz

5 von 5 Eselsohren

Im Sommerurlaub, wenn der erreichbare Lesestoff plötzlich schrumpft, entferne ich mich Stück für Stück von meinen Lese- und Wunschlisten. Dann beginnt der Spaß des Schmökerns um des Schmökerns Willen. Und so kam ich auch zu der Trilogie von Bettina Belitz um Elisabeth und Colin. Ganz nebenbei entdeckte ich den ersten Teil im Nachhinein auf der Liste der Lieblingsbücher-Challenge.

Die junge Elisabeth Sturm zieht mit ihren Eltern von Köln in den Westerwald. Dort, in der tiefsten Provinz, will sie nur noch ihr Abi machen und dann weg, endlich erwachsen werden und dem Grabenkrieg Schule entfliehen. Doch sie hat nicht mit dem gerechnet, was sie in den Wäldern finden wird - Colin.


Was wie ein Abklatsch des Twilight-Plots klingt, ist in Wirklichkeit eine gelungenere Umsetzung des Themas. Atmosphärisch, durchdacht und toll geschrieben.




Die Identifikationsfigur
Elisabeth war mir von Anfang an sympatisch. Sie ist total verkopft, scheinbar immer auf der Suche nach sich selbst und doch schon viel gefestigter und emotional intelligenter als ihre Altersgenossen. Doch sowas kommt nicht gut an, wenn man Teenager ist.

Wir lernen sie in einer kräftezehrenden Situation kennen. Mühsam hatte sie endlich auf einem Kölner Gymnasium das Anpassen und Cliquenspiel gelernt, da versetzt man sie in die Provinz, wo das Bodenständige und Ehrliche gefragt ist.

Schön hat Bettina Belitz eingefangen, den in so einer Situation ein von der Anpassung aufgefressener Teenager durchmacht. Elisa hat verlernt, sie selbst zu sein - ja hat sogar gelernt, das "Sie-Selbst-Sein" zu fürchten. Nicht hüben noch drüben - das allein wäre schon Stoff für einen Roman, doch bildet Elisabeths Denken nur den Gefühlsteppich für eine größere Story.

Denn da ist Colin, den sie einerseits erschreckend, andererseits anziehend findet. Er treibt sich in den Wäldern herum, rettet sie aus dummen oder sogar gefährlichen Situationen und scheint sie doch immer wieder von sich zu weisen. - Und bald muss sie herausfinden, dass ihr Leben viel dichter mit dem seinen verwandt ist, als sie sich je hat träumen lassen...

Stolperstein "Abklatsch"
Gut gefallen hat mir, dass Bettina Belitz sich nicht auf das Modethema Vampir eingelassen hat, sondern etwas Eigenes, Originelles und auch im deutschen Denken Verwurzeltes zum Dreh- und Angelpunkt gemacht hat: Das Gemüt. Das Träumen.

Ebenfalls sympatisch fand ich, dass sie von Anfang an offensiv mit der Ähnlichkeit zu Twilight umging. Immer wieder ziehen die handelnden Personen ironisch, ängstlich oder einfach nur genervt Parallelen zwischen Colin und Edward und zwischen Elisabeth und Bella. Doch muss sich "Splitterherz" hinter "Biss zum Morgengrauen" nicht verstecken. Im Gegenteil.

Meiner Meinung nach steigt die Autorin viel realistischer und zeitgemäßer in die Beziehung zwischen jungem Mädchen und Schreckensgestalt ein. Und das liegt an allen Personen und ihrem Umgang miteinander.

  • Colin macht nicht so lang auf Geheimniskrämerei wie Edward und weigert sich auch erfrischend die große Liebe zu kultivieren oder gar zu überhöhen. Sagen wir, er verhält sich seinem Alter und seiner Natur entsprechend.
  • Elisabeth ist eine vernünftige, tatkräftige, lebensfähige junge Frau, deren Gefühle zwar verrückt spielen, die sich aber weigert, sich von ihnen so lähmen und umkrempeln zu lassen, wie es Bella so irritierend-schmachtend die ganze Serie hindurch tut.
  • Die Eltern von Elisabeth sind kluge und liebenswerte Menschen, die sehr genau wissen, wenn etwas mit ihrem Kind nicht stimmt und die sich immer wieder als Aktive in den Plot einbringen - sie sind keine in sich selbst gefangenen, merkwürdig-blinden Menschen wie Bellas Eltern.
  • Die neuen Freunde sind nicht "zack!" einfach da und ab sofort unzertrennlich mit der "Neuen" verbunden, sondern hegen ein gesundes Misstrauen. Anfreundungsprozesse gehen  langsam von statten. So wie es Elisabeths Natur entspricht.

Der Stil 
Bettina Belitz schreibt zum "einfach so weglesen". Dabei schreibt sie keinesfalls banal - stattdessen schafft sie es, auch schwierige Gedankengänge und Handlungsmechaniken mit Bedacht, Geduld und schöner Sprache darzulegen. Sie nimmt den Leser mit, ohne dass der es wirklich merkt. Es gibt einfach keinen Satz oder Absatz, den man doppelt lesen müsste. Keine Schlussfolgerung erscheint kompliziert.

Dazu hat sie eine wunderbare Beobachtungsgabe - sowohl Landschaft als auch Personen werden mit wenigen Worten plastisch und lebensecht. Sie hält ihr  Erzähltempo zwischen großen Gefühlen, philosophischen Gedankengebäuden und echter Action auf einer Geschwindigkeit, die den über 600 Seiten schweren "Klopper" zu einem echten "Pageturner" für mich gemacht hat. Morgens angefangen, konnte ich nie lange von ihm lassen und nachts gegen halb 3 war ich dann endlich fertig.

Ausstattung und Gestaltung
Satz und Schriftbild sind so leserfreundlich und "anschmiegsam", dass sich die Augen nicht verrenken müssen. Aber 630 Seiten wollen erstmal gehalten werden - und sollen nicht gleich auseinander fallen. Das hat der Verlag gut hinbekommen. Ich hab schon dünnere und zugleich schwerere Bücher in den Händen gehalten.

Die Bindung ist hochwertig, ein Lesebändchen wird mitgeliefert. Der Schutzumschlag hat eine schöne Haptik, denn er spielt mit dem Gegensatz zwischen rauem, fast unbehandeltem Papier und erhoben geprägten, gelackten Elementen. Alles in allem sehr schmökerfreundlich und eine Zierde im Regal.

Schade, dass die Farben so kitschig-fedrig-pink geraten sind - da kommt fast automatisch die Assoziation zu Edwards steinern-glitzernder Haut auf. Total unangebracht. Denn weder ist Elisabeth ein Glitzermädchen, noch ist der Westerwald ein Ort der Spiegel und zarten Töne. Ich hätte mir eine urigere Optik gewünscht. Wald, Getier, Nachtschattengewächse, Holz, Moor... das Buch trieft innen nur so vor Sinneseindrücken, die man auch abseits der "Twilight-Spitzendeckchen-Designwelt" hätte umsetzen können. Warum dann nicht auf dem Cover?

Fazit
Splitterherz greift nach den Ängsten und Träumen seiner Leser. Ich bin mitgegangen, habe gelitten, und geträumt. Mir standen die Haare zu Berge, ich fürchtete mich und ich fühlte mich wieder wie ein Teenager mit allen Pros und Contras. Das Realistische der Figuren hat mich tief befriedigt zurückgelassen. Das Phantastische des Romans kam originell und durchdacht daher. So schreibt man gute Bücher.

Ausblick
Teil 2 (Scherbenmond) habe ich ebenfalls schon gelesen und war erfreut, dass Frau Belitz ihr Niveau halten kann. Teil 3 kam leider erst nach meinem Urlaub in meine Hände und ich fürchte, dass ich momentan nicht die Muße habe, ihn wirklich zu verschlingen. Aber ich bin gespannt.

Hardcover bei Script5 erschienen
ISBN 978 3 839 00105 9