Mittwoch, 10. Juli 2013

Mittwochs-Rezi: Leviathan oder Der Wal von Philip Hoare

4 von 5 Eselsohren

Das größte literarische Werk über den Wal scheint bis heute Melvilles "Moby Dick" zu sein. Entspringt die Anziehungskraft des Buches der Faszination, die das Tier auf uns ausübt oder fasziniert uns der Meeressäuger, weil es Geschichten wie "Moby Dick" gibt?

Von seinem ganz persönlichen Verhältnis zu Autor, Buch und Tier handelt Hoares "Leviathan". An das Werk und an die Geschichte angelehnt erzählt er vom Wechselspiel zwischen Wal und Mensch, von der Urbanisierung der Ostküste Amerikas und vom Drama des Walfangs. Er begibt sich auf die Spuren von Melville und Isaak, von Moby Dick und Ahab.



Das ist einerseits Seefahrer-Romantik und Verehrung für ein schwer greifbares Wesen - andererseits oft blutig und gelegentlich verblüffend. Zwischen Industrialisierung und Jagdfieber schimmern sowohl Entsetzen und als auch Entrückung, die der Wal und das Meer bereits im kleinen Philip auslösten.

Optisch, haptisch und literarisch ist der "Leviathan" ein wunderschönes Werk geworden. Die deutsche Übersetzung ist bei mare erschienen. Dieser Verlag macht meiner Ansicht nach seine Bücher mit viel Herz, einem guten Gespür für Meer-Themen und viel Liebe zum Detail. Ich bin wahrhaftig keine große Sachbuch-Leserin, aber Hoare hat mich in seinen Bann gezogen.



Mit dem Einstieg über seine Liebe zum Meer hatte mich der Autor gleich auf seiner Seite. Das erste Kapitel ist von jenem ganz besonderen Zauber durchdrungen, den der Ozean auch auf mich ausübt. Nach und nach wird jedoch klar, dass bei Hoare die Angst ein großes Gewicht hat. Angst vor der Tiefe, Angst vor den riesigen Kreaturen.

Dennoch ist es schaurig-schön, ihm durch die naturkundlichen Museen der Staaten zu folgen, auf die Walfänger der Amerikaner, auf die Jahrmärkte und in die Bibliotheken. Auf seiner Mission, das mysteriöse Untier seiner Angstträume greifbar zu machen kommt er leicht und literarisch vom Hundertsten ins Tausendste. Er kreist um Orte, Menschen, Wesenheiten, Entwicklungen, Ereignisse und immer wieder um Melville und Moby Dick. Eine Freude!

Eine kleine Schwäche
Zum Ende hin wurde mir das Schlachten zu viel. Hält sich anfangs noch die Suche nach Erkenntnissen über den großen Meeressäuger und die Jagd nach Profit und Fortschritt die Waage, so gerät die Erzählung Hoares immer weiter in Schieflage zu Gunsten der Schlächter und Ausrotter. Die moderne Walforschung, der Walschutz und jüngste Erkenntnisse über Geschichte und Lebensweise der Tiere kommen mir da zu kurz.

Im letzten Kapitel endlich geht Hoare mit einem Pottwal schwimmen. Dass seine Angst dabei nicht ganz verschwindet, finde ich schade. Vielleicht liegt es daran, dass ich selbst einmal einem Buckelwal Auge in Auge gegenüber stand (ich im Kajak, er im Meer von Junea) - aber ich verstehe nicht, wie man seine Angst vor Walen nicht überwinden kann.

Diese Tiere sind groß - ja. Unfassbar groß sogar. Aber sie haben auch eine unglaubliche seelische Präsenz, die es mir selbst unmöglich machte, jemals wieder Angst vor ihnen zu empfinden. Ob das bei Pottwalen etwas anderes ist? Vielleicht.

Fazit
Alles in allem ist dieses Buch ein wundervolles Werk, dass ich jedem Menschen ans Herz lege, der eine gewissen Faszination für Wale empfindet. Merklich aus vollem Herzen geschrieben, genial lektoriert, wunderbar illustriert und wunderschön ausgestattet. So müssen gute Bücher sein.




Zu recht ist der "Leviathan" gerade für die Hotlist 2013 nominiert. Meine Stimme hat er. Eure auch? ;)