Mittwoch, 24. Juli 2013

Mittwochs-Rezi: Pangea von Andreas Schlüter und Marco Giordano

5 von 5 Eselsohren

Dystopie, Abenteuerroman, Jugendbuch und Zeitreise-Epos - "Pangea" hat mich umgehauen. Es kam so unscheinbar in einer Flohmarktkiste daher - nie davon gehört. Es ist als Hardcover bereits 2008 erschienen und ich finde, es hätte auf allen Jugendbuchbestsellerlisten stehen sollen. In der Optik erinnert es mich an die deutschen "Panem"-Cover, die Zielgruppe ist tatsächlich in etwa die gleiche, aber "Pangea" kann viel mehr.


In der Erzählung greift alles ineinander (was man von Zeitreiseromanen nicht immer behaupten kann). Es geht um SiFi, Verführung, Politik und Comming-of-Age. Ein komplexer, ja episch angelegter Roman, in dem alles passt. Die Sprache ist packend, Welt und Figuren plastisch. Die Geschichte hat mich verschlungen, hat mir Gänsehaut beschert, weil sich die Handlungsstränge so selbstverständlich und doch so gigantisch ineinander fügen, ich habe geweint, gehofft, gejubelt. Ganz großes Kino.





Das Setting
Die Benennung ließ mich zuerst an Vor- oder Frühzeit-Romane denken, doch der Rückentext stellt klar, wohin die Reise geht: weit in die Zukunft. Im heutigen Hamburg wird der junge Huan überfallen und entführt. Die Welt, in der er landet, ist die Erde in vielen Millionen Jahren, könnte aber auch ein völlig fremder Planet sein. Auf dem wieder zusammengedrifteten Megakontinent Pangea II leben zwei Völker.

Der Grundkonflikt
Die Sari sind Huans Entführer. Sie sind hochtechnisiert, leben in einer friedlichen und durchorganisierten Welt ohne Krankheiten. Leider nur innerhalb ihrer hermetisch abgeriegelten Ecosphäre. Außerhalb sterben sie nach kurzer Zeit, denn in der Atmosphäre existiert ein fatales Virus. Dieses Virus soll Huan zerstören, ihn haben sie in einem wissenschaftlichen Verfahren ausgewählt, denn er ist durch eine Laune der Natur immun gegen das Virus.

Die Ori sind das Gegenstück zu den Sari. Sie haben gelernt, in der feindlichen Umwelt zu leben, zu überleben und eine Kultur aufzubauen. Sie bewegen sich irgendwo zwischen Beduinen und Mongolen. Ihre Krieger sind eine Mischung aus Samurai, Shaolin und Tuareg. Ein bodenständiges, widerstandsfähiges und zugleich sehr kultiviertes Wüstenvolk, das mit einem Teil des Virus eine Symbiose eingegangen ist. Die Zerstörung des Virus, wie es Huans Auftrag ist, kommt einer Zerstörung ihrer Lebensgrundlage gleich.

Kein Schwarz-Weiß
Was wie ein vorhersehbarer Plot klingt, ist nur der Absprungspunkt für eine differenzierte Geschichte. Die Autoren geben sich nicht mit simplen Gut-Böse-Figuren zufrieden. Sie spüren den Beweggründen nach, lassen jede Figur abwägen, denken, neu urteilen, sich entwickeln. Und das auf nur 478 Seiten. Was für eine Freude, wenn ich bedenke, dass es weit plattere Plots gibt, die heute auf 3x 600 Seiten ausgewalzt werden. Liebe Autoren dieser Art von Büchern: Geht bei Schlüter und Giordano in die Lehre.

Huan ist ein Held wider Willen. Er spürt, dass die Sari-Version einer glorreichen Befreiung der Erde vom Übel nicht ganz neutral sein kann und versucht, sich aus der Abhängigkeit von seinen Entführern zu befreien. Doch dazu muss er den Auftrag eigentlich erfüllen. Auf seinem Weg begegnet er Liya. Die junge Ori-Kriegerin wurde ausgebildet, ihr Volk zu retten, indem sie den Sari-Gesandten tötet. Doch Huan und Liya verbinden merkwürdige prophetische Träume und noch etwas haben sie gemeinsam: sie können mit den Reittieren der Ori kommunizieren. Diese riesigen Land-Oktopusse tragen sehr zum Charme des Buches bei.

Feuerwerk der Kulturen
Aus dem Buch brechen die verschiedenen Kulturen und Kultur-Visionen nur so heraus. Die Tierwelt schreit, wimmelt, tötet, flüchtet, LEBT! Die Landschaft eröffnet sich wie im Film - atemberaubend rollen sich die Panoramen aus.

Die Fähigkeit der beiden Autoren, die komplizierten Sachverhalte, Entwicklungen und Vorgeschichten ganz einfach und nachvollziehbar in klaren, scheinbar selbstverständlichen Sätzen zu verpacken, macht mich atemlos. Da bleibt mir nur, mich voller Hochachtung für diese Gabe zu bedanken. Und dafür, dass sie in so einem wundervollen Buch umgesetzt wurde.

Es ist das erste Buch - soweit ich mich erinnern kann - bei dem mir an einem Wendepunkt minutenlang die Gänsehaut auf den Armen stand.