Mittwoch, 17. Juli 2013

Mittwochs-Rezi: The Thousand Autumns of Jacob de Zoet von David Mitchell

4 von 5 Eselsohren

Ich habe einen Fehler gemacht. Ich war so gierig auf dieses Buch, dass ich das Original bestellt habe. Nun bin ich (endlich!) durch. Inzwischen gibt es die (hervorragende) Übersetzung lang schon als Taschenbuch. Der Aufwand hat sich also nicht gelohnt. Im Gegenteil.

Mitchell schreibt wieder so auf Authentizität bedacht, dass man des Englischen schon sehr sehr mächtig sein muss, um die radebrechenden Japaner, die betrunkenen Iren und die feilschenden Holländer verstehen zu können. Spätestens als die erste Figur mit Sprachfehler auftauchte, hätte ich das Buch am liebsten fortgeworfen.



Aber dafür erzählt Mitchell zu einnehmend. Er fabuliert - wie auch im Wolkenatlas - zwischen Historie und Märchen. Zeichnet den Hafen, den Seehandel und das Japan um 1800 mit irre dichter Atmosphäre. Dass nebenbei noch eine Liebesgeschichte stattfindet, kommt dabei streckenweise zu kurz. Der Grat zwischen "ausgeschmückt" und "überladen" ist schmal - manchmal zu schmal für Mitchell.

Dennoch: Ein Schmöker mit viel Sprachgefühl. Beiläufige Grüße zwischen den Zeilen an Mitchells frühere Werke ließen mich schmunzeln. Ich freue mich schon auf sein nächstes Buch, dass ich definitiv wieder auf Deutsch lesen werde.



Der Protagonist
Jacob de Zoet ist ein naiver junger Buchprüfer. Um die Hand seiner liebsten in Holland zu erlangen, wird von ihm gefordert, dass er in Übersee im Dienste der Verenigde Oostindische Compagnie Rang, Namen und Vermögen erkämpft. Der Schwiegervater setzt darauf, dass das junge Glück erkaltet und Jacob seine Tour nicht überlebt.

Jacob kommt vor die Tore Japans. Dieses Land ist nach dem Willen seiner Herrscher um 1800 vom Rest der Welt isoliert - einzig über den Handelsvorposten Dejima findet ein stark zensierter Austausch statt. Dejima ist in den Händen der Seemacht Holland und vor Jacobs Ankunft von Korruption und Misswirtschaft zerfressen. Der junge Mann hat nun die undankbare Aufgabe unter den neuen Chef die Bücher der letzten Jahre zu prüfen. Seinen neuen Kollegen, den alteingesessenen Angestellten, gefällt das natürlich gar nicht.

Die Dramatik
Kolonialherren, Kaufmänner, Kapitäne einerseits und der Shogun, die Samurai und die ehrenwerte Dolmetschergilde andererseits. Im Zeitalter der Windjammer und Zuckerhändler, der Seidenstraße und Seekriege trifft Ost auf West. Jacob ist dabei zu naiv, seine Umgebung zu korrupt und die Japaner zu unkooperativ und verschreckt. Das kann nicht gut gehen. Um die Dramatik zu verstehen, brauchts Hintergrundwissen, mit dem Mitchell den Leser auch versorgt. Manchmal greift er dabei jedoch tief in die Klischeekiste. Die Städte und die Panoramen sind sehr lebendig - dagegen fällt das Skizzenhafte der einzelnen Figuren sehr auf.

Der Handlungsverlauf
Während ich noch versuchte, mit Jacob und seiner unendlichen Liebe zu seiner Verlobten Anna warm zu werden, lernt er eine junge Hebamme kennen, die sich das Privileg verdient hat, unter dem westlichen Mediziner auf Dejima zu studieren. Diese kennt der Leser bereits aus dem Prolog, wie sich bald herausstellen wird. Bevor Jacob seine Herzangelegenheiten aber auf die Kette bekommt, gerät die Hebamme in die Mühlen der japanischen Politik und wird in ein suspektes Kloster auf einem hohen Berg verschleppt. Jacob nimmt gerade seinen Mut zusammen, zu ihrer Rettung zu eilen, da wird Dejima von den Engländern angegriffen.Da ist der Roman aber schon fast rum.

Mitchell erzählt Jacobs Geschichte, die der Hebamme, die Dejimas, die Japans, des Klosters, verschiedener Sklaven, von Mitarbeitern, Nonnen, Dolmetschern, Kapitänen... Es gibt zwar einen roten Faden, doch manchmal ist er schwer zu erkennen. Und wie schon im Wolkenatlas mischt er das Mythisch-Fantastische so verschämt ein, dass man es im Historiensetting zuerst kaum merkt.

Worauf will Mitchell mit seinem "de Zoet" hinaus und woher nimmt er eigentlich ganze 1000 Herbste? Nichtmal die Kapitelstruktur gibt diesmal Aufschluss darüber. Die ersten Kapitel erzählen von Jacobs start in Dejima, irgendwann kommt die Hebamme dazwischen, mal vergeht die Zeit rasend schnell, mal nimmt sich Mitchell Zeit. Die letzten beiden Abschnitte sind so kurz und erzählen so komprimiert den Rest von Jacobs Leben, dass man sie sich hätte sparen können. Schade, denn die Kerngeschichte hätte an sich bereits genug Dramatik und Innovation für ein rundes schlüssiges Buch geliefert. Naja.

Fazit
Etwas mehr Stringenz hätte dem Buch gut getan. Dennoch macht es Spaß, Mitchell ins historische Japan zu folgen. Ein Buch, das knapp am nächsten großen Wurf vorbei ging.