Mittwoch, 15. Februar 2012

Mittwochs-Rezi: Die Magier von Montparnasse von Oliver Plaschka

5 von 5 Eselsohren

Ohne Anlauf (lies: "Aus dem Stand") ins Regal der Buchjuwelen.
Ein gutes Buch ist für mich mehr als nur eine gute Geschichte. Ich finde wichtig, dass es rundum gut gemacht ist. Wenn Umschlaggestaltung, Papier, Typographie, Seitenaufteilung, Kapitelanfänge, Vorsatzpapier und besondere Beigaben sich mit dem Plot, der Sprache und dem Duktus zu einem stimmigen Ganzen fügen, dann ist es ein gut gemachtes Buch. Und diesen Ansprüche wird "Die Magier von Montparnasse" gerecht.


Ein bisschen traurig bin ich, dass ich es nicht als Hardcover kaufte - aber es war ein Spontankauf wegen des Covers und wer rechnet denn schon mit sowas?! Jedem Bibliophilen rate ich zur Ausgabe von Klett-Cotta.


Oliver Plaschka leitet den Leser ins Paris Ende der 1920er Jahre. Zu Beginn sehen wir diese Welt durch die Augen von Ravi, einem charismatischen Magier, der mit seiner Assistentin Blanche gerade ein lukratives Engagement in einem der Varietés von Montparnasse angetreten hat. Sie arbeiten als Illusionisten - was niemand wissen darf: sie beherrschen auch die echte Magie. Doch über deren Einsatz wacht die übermächtige Société Silencieuse - die Stille Gesellschaft - deren erste Regel lautet "Benutze Magie niemals vor Publikum". Als diese Regel gebrochen wird, sieht sich Blanche dazu getrieben, ein Versprechen einzulösen, das ganz Paris in ein Zeitparadox stürzt.

Erzählt wird die Geschichte aus wechselnden Perspektiven. Es erinnert mich an die Jugendstil-Fenster, wie Plaschka aus den splitternden Blickwinkeln und sich überschneidenden Wahrnehmungen der Protagonisten ein bezauberndes Mosaik zusammensetzt.
Ich gebe zu, das ist kein Buch für Menschen mit wenig Allgemeinbildung - jedenfalls wird ihnen viel an Seitenhieben und Hinweisen entgehen. Plaschka spickt seine Erzählung mit allem, was ein Geschichten- und Mythen-Liebhaber nur in die Finger bekommen kann. Es wimmelt vor Anleihen aus und Verweisen auf Grimms Märchen, Volks- und Heldensagen, Geheimbund- Bibel- und Mystiker-Wissen sowie unzähliger Kunst, Kultur- und Literaturszene-Verweisen. Hin und wieder tat mir ein Blick in Wikipedia gute Dienste. Vielleicht auch mehr aus Neugier. Beeindruckend ist es allemal, wie tief und vielfältig das Wissen ist, das in dieses Buch einfloss.

Das Setting und die Stimmung ließen mich oft an "Es kamen drei Damen im Abendrot" von Peter S. Beagle denken. Eine Herberge ist Dreh- und Angelpunkt der Handlung, der Wirt wird mit allerlei zwielichtigem Volk und ihm unverständlichen Vorgängen konfrontiert und so aus seinem Alltag gerissen. Das zwielichtige Volk selbst hat scheinbar größere Probleme als die, einem Wirt nicht auf die Nerven zu gehen. Und die Durchschnittsbewohner sind tiefer mit den Ereignissen verwoben, als allen Beteiligen lieb ist.

Es ist ein kluges und philosophisches Buch, das zugleich wahnsinnig spannend und sehr unterhaltsam ist. Obwohl Oliver Plaschka viele Elemente bekannter Geschichten und Mythen benutzt, hat er eine eigene Sprache, einen wundervoll lesbaren Stil und eine originelle Handlung erschaffen. Ein großartiger Roman! Hut ab.

Erschienen bei Klett-Cotta
428 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Vorsatzkarten

ISBN: 978-3-608-93874-6
Ich besitze es als Taschenbuch von dtv ISBN 978-3-453-52850-5